Hässliche Männer

by erinnye

Es gibt ein Phänomen, das möglicherweise gar kein Phänomen ist, denn unter Umständen ist es bislang nur mir aufgefallen. Es ist das Phänomen der hässlichen Männer im Fernsehen. Nun ist es natürlich definitiv so, dass es gar keine hässlichen Menschen gibt, es gibt eben nur Menschen, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters und der Mensch ist von innen schön. Das ist die politisch korrekte Variante, der ich als Frau und gelegentlicher Mensch unbedingt den Vorzug gebe. Man sollte jetzt da allerdings streng unterscheiden: Immerhin gibt es auch das literarische Ich und mein literarisches Ich ist das einer 47-jährigen Schabracke, der es egal ist, ob einer von innen schön ist. Mir doch wurscht, ob irgend jemandes Lungenbläschen so rosig sind wie die einer 18-jährigen Milchbäuerin oder seine Darmschleimhaut in polypenfreier Funktionalität den Speisebrei transportiert.

Sonntag Abend sitzt das literarische Ich vor dem Fernseher und schaut Tatort. Das persönliche Ich liegt derweilen abgespalten im Häkelkorb und dümpelt vor sich hin, ganz schlecht, denn immerhin muss es noch drei Wutbälle häkeln für die Kirchenfest-Tombola von St. Ignoratius-in-der-Grube. Auch die Yoga-Übungen , die den ausgedörrten Körper soweit in Form halten sollen, dass er für  90-jährige Seniorenresidenzinsassen den Sekretaustausch mit 18-jährigen Friseurinnen substituieren kann, hat das persönliche Ich liebevoll beiseite gelegt.

Nein, das literarische Ich schaut ungehemmt Tatort, in Berlin spritzt Blut, eine furiöse postklimakterielle Metzgersgattin hat ihren 89-jährigen Gatten durch die Wurstmaschine gedreht und zu diätetischer Gelbwurst verarbeitet, und das  nur, weil er eine Herzensbeziehung mit der minderjährigen Auszubildenden unterhielt, ziemlich unverhältnismäßige Reaktion, finde ich, Frikadellen wären ausreichend gewesen, der Produktionsprozess ist deutlich schlichter, schonender Umgang mit Ressourcen ist die Devise, und auch das Pökelsalz hätte man sich gespart.

Die Kommissare müssen viel nachdenken, über den Fall, das Leben, die Frauen, diese Denkprozesse führen vermehrt zu Großaufnahmen gigantischer Warzen in pfannkuchigen Männergesichtern. Selbstverständlich wird der Fall gelöst und die Metzgersgattin der Gerechtigkeit zugeführt, für den Rest ihres Lebens wird sie ungestört in ihrer Zelle Socken stricken, aber am nächsten Sonntag wird das Böse erneut virulent, in Ludwigshafen hat eine schon ziemlich verblühte Mittzwanzigerin ihren hochbetagten aber frühlingsfrischen Industriellen-Gatten durch die wiederholte Gabe Ehec-verseuchter Sprossen ins dauerdiarrhoetische Koma abgeführt, mit finaler Todesfolge. Kommissarin Lena Odenthal, eine schöne Frau, und ihr Kollege Kopper bemühen sich redlich, und Kopper ist ein, nun ja, schöner Mann, welche Frau wird nicht ganz atemlos beim Anblick verfetteter schwarzer Strähnen, die aus Halbglatzen sprießen, Kollege Kopper verfolgt die Herkunft der Sprossen bis nach Bienenbüttel. Großaufnahmen: Problemhaut, höckrige Nase. Könnte in diesem Fall eine Vorher-Nachher-Beratung sinnvoll sein oder Heilfasten? Pumpernickeldiät? Ach, eher nicht, es besteht darüber hinaus keinerlei Notwendigkeit zu derartigen Maßnahmen, denn der vom Y-Chromosom verursachte Androgenspiegel des Mannes macht ihn von innen heraus schön.

Während die präklimakterielle Mittzwanzigerin abgeführt wird, Lena Odenthal musste zuvor viel psychologisches Geschick aufwenden, um die Delinquentin davon abzuhalten, in suizidaler Absicht eine Flasche El Vital Hair-Conditioner auszutrinken, fragt sich mein literarisches Ich, ob eine Schauspielerin mit dem Attraktivitäts-Koeffizienten eines Kollegen Kopper Chancen auf eine Tatort-Hauptrolle hätte. Gibt es überhaupt hässliche Schauspielerinnen? Meine prä-alzheimer-verplaquten Neuronen arbeiten hektisch, aber bis auf Grenzfälle, allesamt nicht hauptrollenverdächtig, fällt mir niemand ein. Es gibt nicht mehr junge, nicht mehr ganz schlanke Schauspielerinnen, aber die waren alle mal schön und sind es auch noch heute. Werden im Fernsehen hässliche Frauen als Moderatorinnen eingesetzt? Eigentlich sollte doch Quotengleichheit mit den hässlichen männlichen Moderatoren herrschen.Warum muss ich mir massenhaft hässliche Männer im Fernsehen anschauen? Ist das Fernsehen möglicherweise schlicht der Spiegel gesellschaftlicher Konventionen, wonach eine Frau gefälligst schön zu sein hat, wogegen beim Mann die Optik allenfalls drittrangig ist? Das literarische Ich fragt sich zaghaft, wessen Bedürfnisse hier eigentlich bedient werden, im Endeffekt ergebnislos, denn wir alle sind das Problem, unreflektiert belachen wir jeden doofen ästhetikbetonten Witz über Angela Merkel, in erfolgreicher Verdrängung, dass wir überwiegend alle nicht mehr die Schönsten sind, ja, ich wage zu behaupten, einige von uns waren wahrscheinlich niemals schön im ästhetischen Sinn. An dieser Stelle schwächelt das literarische Ich, ich muss es unumwunden zugeben, keine Glanzleistung insgesamt, aber das persönliche Ich hat noch ein paar Pflichten auf der To-do-Liste: Prioritär: Fleischwolf zurichten. Heute Abend gibts Frikadellen, zum Glück ist mein Fleischwolf großzügig dimensioniert, man könnte ganze Mastochsen darin zerhäckseln.  So.

Und Ach ja, den obigen Text hat lediglich mein literarisches Ich abgesondert, mein persönliches Ich goutiert beispielsweise nicht in jedem Fall die Verwurstung von untreuen Ehemännern, noch macht es Yoga. Leider.