Inszenierung der Macht – Ästhetische Faszination im Faschismus

by erinnye

Josef Thorak, Figurengruppe zur Bekrönung des “Märzfeldes” in Nürnberg (Reichsparteitagsgelände in Nürnberg)

“In der NS-Kunst gibt es eine sehr deutliche Polarisierung der Geschlechterrollen. Die geschlechtliche Differenz wird zusätzlich noch durch unterschiedliche Modellierung der Körper unterstrichen. Vergleicht man etwa Brekers fast “kantig” geformte Männerakte mit den weiblichen, so erscheinen diese geradezu “weich” modelliert.

In der vorliegenden Literatur wird häufig als unmittelbarer Ausdruck der faschistischen Politik der Aufteilung der gesellschaftlichen Bereiche in eine dominierende “Männerwelt” und eine ihr untergeordnete “Frauenwelt” gesehen. Das Problem erscheint mir jedoch, dass man so den Status der weiblichen Allegorien nicht erklären kann. “Der Sieg”, das ist das, wofür der faschistische Staat die Männer in den Krieg schickte. Die Allegorien des Sieges sind weiblich und in den angeführten Figurengruppen stets über den männlichen angeordnet.

Die Polarisierung der Geschlechter wird in der “Kunstbetrachtung” des Nationalsozialismus selbst sehr häufig thematisiert. Dabei geht es darum, was Bilder des “Männlichen” und des “Weiblichen” repräsentieren sollen. Die Überlegungen dazu sind keineswegs einheitlich. Deshalb ist es nützlich, das Assoziationsfeld zu rekonstruieren, in dem die Geschlechterpolarisierung verankert wird.

Gängig ist die Unterscheidung zwischen dem “Heroischen” der Darstellung kämpfender bzw. kampfbereiter Männer und dem “Lyrischen”, den Frauenbilder [...] Das “Weibliche” wird in Verbindung gebracht mit dem “Letzten eines Lebensgefühls” [Schorer 1939, 169] – und auch mit “höheren Werten”. So schreibt zum Beispiel Rittich in einer Klimsch-Monographie [...] Die weiblichen Skulpturen

“verkörpern mit ihrer Haltung, ihren Gesten und Gebärden, mit ihren Physignomien Werte, die über das Körperliche hinausgehen und seelische Ausblicke eröffnen”

Bilder des Weiblichen, so lässt sich folgern, repräsentieren nicht nur das “Leben”, sondern auch “Werte”, die über das hinausweisen, woran das individuelle Leben unweigerlich geknüpft ist: den Körper. [...]Das Bild des Weiblichen wäre somit dazu da, das Harmonische, Überzeitliche und das höhere Ideal zu repräsentieren, nicht einfach nur die Frauen, bzw. ihren Ort in der faschistischen Politik. [...]

Die weibliche Allegorie wird insofern sexualisiert, als die “ganze Wahrheit” versprochen wird, jedes Tabu und jedes Verbot aufgehoben scheint. Das macht den “prostitutiven Charakter” aus, von dem in der Literatur immer wieder die Rede ist. Zu präzisieren wäre allerdings, dass das Prostitutive hier nicht als tabuisierte Form der Sexualität präsentiert wird, sondern eher als öffentliche, staatlich garantierte Form. Jeder kann potentiell an ihr teilhaben. Der Staat präsentiert sich im Bild des Weiblichen, das jedem versprochen wird – unter der Voraussetzung, er unterstellt sich dem Staat, wie die organisierte Masse im Reichstagsgelände vor der Führer-Tribüne, über der die Allegorie des Sieges schweben sollte.”1

Arno Breker, Psyche, 1941

“Auffallend ist, wie explizit Kleidung im Nationalsozialismus als Instrument und Indikator der Distribution gesellschaftlicher Wertvorstellungen (insbesondere bei der weiblichen Bevölkerung) gesehen werden. Schon 1933 wird das Institut für deutsche Mode gegründet, das die politische Dimension des Umgangs mit modischer Kleidung immer wieder propagiert [...]

Speziell beim Genre Verwechslungskomödien spielt Kleidung als ein der Narrativik unterlegtes Zeichensystem eine herausragende Rolle. So basiert in “Frau nach Maß” die Inszenierung der Charaktere, das Ausspielen eines neuen gegen das alte Frauenideal vor allem auf der Zuordnung von Kleidung/Frisur zu “Wesen”, Handlungsspielraum und Sprachebene der Protagonistin.” 2

1 Haug, Wolfgang: “Ästhetik der Normalität/Vor-Stellung und Vorbild, Die Faschisierung des männlichen Aktes bei Arno Breker. In: NGBK (Hg.): Inszenierung der Macht. Ästhetische Faszination im Faschismus. Berlin 1987, S. 107

2 Ellwanger, Karen: Frau nach Mass. Der Frauentyp der vierziger Jahre im Zeichensystem des Filmkostüms. In: NGBK (Hg.): Inszenierung der Macht. Ästhetische Faszination im Faschismus. Berlin 1987, S. 125