Der Fluch der Klausfrauen

by erinnye

John William Waterhouse "The Danaides", 1903

Meine Waschmaschine ist defekt. Die Neue kommt erst nächste Woche. Heizstab desaströs, obwohl ich stets Calgon benutzt habe. Na ja, manchmal auch diese Tabs aus dem Aldi.

Die Wände des Waschsalons sind schwarz angemalt. In einer langen Reihe stehen Waschmaschinen auf den schwarzen Fliesen wie kariöse Zahnstümpfe. Eine eiserne Treppe wendelt sich zur Internet-Empore. Eintönig rauschen die Maschinen und produzieren Reinheit. Manchmal lässt jemand Waschpulver aus dem Automaten. Man schaut sich nicht an. Ein Mann, dem das Alter Unebenheiten ins ansonsten flache Gesicht getreten hat, zerrt seine Wäsche aus einer der Maschinen. Unbeachtet fällt ein Papierball neben den Wäschekorb. Der Mann stopft seine Wäsche in den Trockner und steigt die Treppe zur Internet-Empore rauf.Verstohlen verlasse ich meinen Waschmaschinen-Beobachtungsstuhl und nehme den feuchten Ball an mich. Ein eng betipptes Blatt Papier. Man kann fast alles noch lesen. Macht den Eindruck als hätte eine antike IBM-Kugelkopf-Maschine die Buchstaben ins Papier gehämmert.„Der …uch der Klausfrauen“ lese ich. Spruch, stand da wohl mal, bevor die Buchstaben ausgewaschen und abgelaugt wurden. Oder Tuch? Dann stimmt aber der Artikel nicht. Müsste „DAS Tuch der Klausfrauen“ heißen. Was sind Klausfrauen? Der Fluch der Klausfrauen? Oder Eunuch? Aber schon werde ich eingesaugt wie Wasserstrudel in einen gutgehenden Abfluss.

Der …uch der Klausfrauen

„Vergrämten Danaiden gleich gruppieren sich die Klausfrauen um den Waschkessel. Es sind drei und niemand weiß, sind es Schwestern oder Mutter und Töchter. Ihre schwarzen Kopftücher sind fest um die Köpfe gezurrt. Kein Haar fällt daneben und auch keine Haarnadel. Aber die Blicke der Klausfrauen sind nadelscharf. Abwartend umstehen sie den Waschbottich, das Feuer anhheizend, das unter dem Bottich schwelt. Von Zeit zu Zeit rührt eine der Klausfrauen mit dem hölzernen Waschpaddel im Bottich. Seifenlauge fließt trübe die Straße herunter auf der Suche nach einem Gulli. Hinter den Klausfrauen duckt sich das Haus am Straßenrand zusammen. Eine Gardine bewegt sich. Das ist Klaus, der auf die Straße späht. Immer Montags waschen die Klausfrauen. Das Haus steht am Schulweg. Ich habe vor meiner Freundin Meta geprahlt, ich hätte keine Angst vor den Klausfrauen. Das war, als Meta mit dem nackten Fuß eine Schnecke zerquetscht hatte. Ich bleibe stehen und sehe zu, wie die Klausfrauen ihr rätselhaftes Waschritual durchführen. Aus dem Ofenrohr am Waschkessel steigt Rauch. Eine der Klausfrauen läßt das Waschpaddel sinken und kommt auf mich zu. In einiger Entfernung, vor dem Spritzenhaus,  wartet Meta und starrt her. Ihre Blicke pieksen wie Haarnadeln. Ich renne an der Klausfrau vorbei und  auf den Waschbottich zu und klebe die Prilblume, die ich in der Hand gehalten habe, ganz zerknittert ist sie schon, auf den häßlichen Zinkbottich.  Gelb Grün Türkis leuchtet die Prilblume. Beim Wegrennen höre ich , wie eine der Klausfrauen mir hinterherruft…”

Die Seite ist zu Ende. Der Mann kommt von der Internet-Empore, am Ohr ein Handy.Über das Maschinengeplätscher tönt seine Stimme: „” Du wirst schon sehen, was du davon hast”, hat sie gesagt.”

Der Mann zerrt, immer noch das Handy am Ohr, seine Wäsche aus dem Trockner, grob zieht er daran, als ziehe er am ganzen verfluchten, ausgewaschenen Leben.  Ich will ihm sein Blatt Papier geben, aber er übersieht mich vollkommen. Schon ist er weg. Ich hätte ihn gerne gefragt, was die Klausfrau gerufen hat.