Hm oder so (Zitat)

von erinnye

Die Sache war virulent. Zwar wussten weder Coca-Carola noch ich genaueres über Viren.  Aber das Wort „virulent“ gefiel uns , so wie alles, was mit Krankheitserregern zu tun hatte. „Später möchte ich Rattenwart werden“, schrie Coca-Carola vertraulich ins Kindertelefon,  während sie eine Eiterpustel am Fußknöchel aufkratze, die  terminale Botschaft  einer Zecke, deren Kopf  keine Veranlassung gesehen hatte, zusammen mit dem Körper in der Zeckenzange  zerquetscht zu werden und  daher  in der Epidermis stecken geblieben war. „SONDERBAR. Was ist ein Rattenwart?“ fragte ich am anderen Ende der Leitung. Ich war stets geneigt, alles, was über mein Begriffsvermögen hinausging, „sonderbar“ zu nennen, daher lebte ich inmitten einer unendlichen Schar von „Sonderbarkeiten“.

Mein  Leitungsende befand sich nur ein paar Meter von dem Coca-Carolas entfernt, denn   die Kindertelefone, welche wir  genau 130 Tage zuvor anstelle des beim Christkind bestellten Hundes unter dem Weihnachtsbaum vorgefunden hatten, waren zu desolaten Attrappen ihrer selbst verkommen,  sie hatten nur kurze Zeit störungsfrei funktioniert, jetzt hingen ihre Innereien wie geronnenes Gekröse aus den Telefonbäuchen, und  die Wählscheiben quietschten ohrschmalzzersetzend, aus den fettigen Hörmuscheln  aber sickerte  das undurchdringliche Rauschen des Gegenwärtigen.

Obgleich  nur wenige Quadratmeter  eines orangeroten Nadelfilzteppiches zwischen uns lagen und wir uns die Telefonhörer lediglich proforma  gegen die Ohren pressten, waren wir gezwungen, zu schreien, denn nebenan  in der Dachkammer arbeitete Vater an seiner neuesten Erfindung, einem Solarstaubsauger. „Rattenwarte kontrollieren die Rattenpopulation in der Kanalisation“, überschrie Coca-Carola das Dröhnen von Vaters prototypischem Motor.  „Eine bestimmte Anzahl Ratten wird zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Kanalisation vorgehalten.“

„Wie kann man nur einen solchen Unsinn reden. Coca-Carola, ich werde noch einmal an deinen Witzen sterben“, antwortete ich und blätterte weiter in meinem Buch, es war „In Stahlgewittern“  in einer Ausgabe aus den 30-er Jahren, Erbstück von Opa und eines der wenigen Buchexemplare, die Omas Bücher-Verbrennungsaktion nach dem Ableben ihres Gatten entronnen waren. Leider waren nur die schlechteren Bücher übrig geblieben.

Wegen Coca-Carolas  Gebrüll war uns entgangen, dass es im Nebenraum unvermittelt  totenstill geworden war, so still, dass sich die von den Schallwellen ganz niedergedrückten Polyurethanfasern des Nadelfilzes aufrichteten wie plattgedrückte Grashalme nach der  Passage einer Elefantenherde.

„Sonderbar“,  wiederholte ich nochmals affirmativ  und wusste nicht zu würdigen, dass Coca-Carola die Vokabel „nachhaltig“ gebraucht und damit erstmals aus ihrem forstwirtschaftlichen Kontext  herausgerissen und in die Alltagssprache überführt hatte.  Das Wort „nachhaltig“  ist bekanntermaßen  eine Erfindung von Hans Carl  von Carlowitz, der es  1713 in einer  forstwirtschaftlichen Publikation verwendet hat und sich nicht hätte träumen lassen, dass  seine Wortschöpfung 299 Jahre später zum Heilstein des deutschen Wortschatzes avanciert sein würde, zur Bachblüte des Dudens und zum Kryptonit der angewandten und erweiterten Phrasologie. In der Stille der Dachkammern musste  das WORT wohl durch das offene Fenster entkommen und in das nachbarliche Dachverlies eingedrungen sein, wo Fräulein M., eine Studentin der katholischen Theologie, seit Jahren an ihrer Dissertation arbeitete, unterstützt von einer Packung Milchpulver und einer Lavalampe. Gelegentlich, wenn sie nervös wurde, nahm sie etwas Milchpulver ein,  denn  die Doktorarbeit  war kräftezehrend und hatte was mit Gott zu tun.

Wären wir uns der Konsequenzen bewusst gewesen, hätte Coca-Carola niemals das Wort „nachhaltig“ ausgesprochen, aber heute, Jahrzehnte später,  hat die Allgemeinheit die grauenhaften Folgen zu tragen:  Das WORT ist  FLEISCH geworden und hat sich in Tofukutteln und Wutburgern inkarniert, von den scheinheiligen Energiesparschnitzeln und Solarbraten ganz zu schweigen.

„Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke. Man hört so oft die irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf zu einer uninteressanten Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je entscheidet der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern, tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen, blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Männer gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene Kämpfer.”

las ich Coca-Carola eine Passage aus „In Stahlgewittern“ vor. „Faschistoider, revanchistischer, chauvinistischer und sexistischer Kriegskitsch“ sagte Coca-Carola und kehrte zum Ausgangsthema zurück, den Rattenwarten. „Ratten minimieren durch ihre Fraßtätigkeit die Biomasse in der Kanalisation“, erklärte sie.

„Na ja, die Ratten bilden aus der Biomasse ihrerseits Biomasse, also Rattenfleischmasse gewissermaßen, die Gesamtheit der Masse ist dann mathematisch gesehen doch gleich, außer dass tote Biomasse keine Rattenflöhe beherbergt und sich nicht bewegt“, wagte ich einzuwenden.

„Ich bestreite die Anwendbarkeit und somit den Wert einer Vernunft, die in einer anderen Form als der abstrakt logischen gepflegt wird. Ich bestreite vor allem die Vernunft, die aus mathematischen Studien hervorgegangen ist. Die Mathematik ist die Wissenschaft von Form und Masse; mathematische Schlussfolgerung ist nur auf Beobachtung von Form und Masse gegründete Logik. Der große Irrtum liegt in der Annahme, dass selbst die Wahrheiten der sogenannten reinen Algebra abstrakte oder allgemeine Wahrheiten seien“,

deklamierte  Coca-Carola bevor sie ins Delirium fiel, in der Zwischenzeit hatte das Zeckengift sensible zerebrale Bereiche erreicht.

Im Krankenwagen – glücklicherweise war das Klinikum nicht weit, ansonsten hätte sie den Transport wohl nicht überlebt – rezitierte Coca-Carola im blutentzündeten Fieberwahn der Meningitis eine merkwürdig dunkle und grausame Geschichte, die ich getreulich mitstenographierte, um sie beim nächsten Schulaufsatz zu verwenden. Ich bekam dafür eine 4- und den Vermerk „abgeschrieben, siehe E. A. Poe, Die eintausendundzweite Geschichte der Scheherazade“. Mein Ansehen bei Deutschlehrer L. war damit nachhaltig vernichtet, über die Note 4+ würde ich nie mehr hinauskommen.

Coca-Carola erholte sich nicht ganz von der Meningitis, sie litt ein Lebenlang unter Hyperlexie und dichotomer Dysthomie. Vaters Erfindung blieb wie alle seine Erfindungen erfolglos, da die Solarzelle für den Solarstaubsauger die Größe eines mittelalterlichen Essigfasses hatte, der Staubsauger mithin etwas unhandlich war.

Ich wünschte, Coca-Carola  hätte damals eine der bekannteren Geschichten von E. A. Poe deliriert, irgendwas mit August Dupin oder was vom Roten Tod. Vielleicht hätte ich gemerkt, dass es ein Zitat war. Mein Leben wäre total nachhaltig verlaufen. Hm ja. Oder so.

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