Tante Fidelia oder der Flug der Bienen
von erinnye
Als uns die Botschaft erreichte, Tante Fidelia sei gestorben, war unsere Stimmung so diffus trüb wie Bionade. “Pepsi”, sagte Coca-Carola, “einerseits könnten wir jetzt vor Freude auf dem Tisch tanzen, anderseits, denk mal an die Beerdigung….”, ihre Stimme erstarb wie ein in der Sommersonne austrocknender Regenwurm. “Hm ja”, antwortete ich, “allein der Gedanke an Tante Fidelia macht mich vollkommen fertig”, denn mehr fiel mir gerade nicht ein, und Coca-Carola war auch nicht weiter an meinen Gedankengängen interessiert, sie hatte nämlich gleich einen Termin.
Die Vorstellung der 2-stündigen Fahrt ins Mittelgebirge wog die Freude über Tante Fidelias Tod nicht auf, wir würden uns auf eine mit 4 Kindern überfüllte Ford-Taunus-Rückbank quetschen müssen, dazu gezwungen, 4-stimmig “Auf du junger Wandersmann” zu intonieren, und alle halbe Stunde würde auf der Rückbank jemand kotzen müssen. Saß man am Fenster, gelang es zwar meist, den eigenen Mageninhalt sozialverträglich am Straßenrand zu deponieren. Andererseits deponierten die Innensitzer regelmäßig ihre Mageninhalte über die Beine der Fensterplatzbesitzer. “Alles hat drei Seiten” sagte Oma immer, und sie hatte Recht, denn es hätte auch die Möglichkeit gegeben, gar nicht zu kotzen, hätte, ja.
Tante Fidelia war die letzte eines Geschlechtes fürstlicher Hofbeamten. Seit dem 14 Jhdt. hatte diese Familie die einflussreichsten Posten am ehrwürdigen Fürstenhof von S. bekleidet: Sie hatten Parkettböden gebohnert, Perücken entfloht, Schimmel vom Marzipan gekratzt und verdorbene Aspikbären vorgekostet. Sorgfältige Verinzuchtung zwischen den Lakaien-Familien hatte über die Jahrhunderte zu einer Verfeinerung sämtlicher im Domestikendasein notwendiger Sinnesorgane und Fähigkeiten geführt, u.a. unempfindliche Mund- und Nasenschleimhäute, biegsame Wirbelsäulen und flexible Geisteshaltung.
Nur über sehr komplexe, mehrere Quadratmeter große Stammbäume ließ sich eine genetische Verwandtschaft Tante Fidelias mit uns nachweisen, sie war daher eine sehr weit entfernte Tante. Das war uns recht, denn wir mochten Tante Fidelia nicht.
Tante Fidelia hatte sich der Familientradition verweigert. Vielleicht weil sie als illegitimes Kind des letzten fürstlichen Perlhuhntranchierers und einer einfachen Wäscherin nicht die notwendigen physischen und psychischen Voraussetzungen für den fürstlichen Dienst aufweisen konnte. Sie lebte einfach so vor sich hin, häkelte Occi-Spitzen oder bestickte Batist-Taschentücher mit kleinen bunten Blümchen. Wenn wir sie besuchten, schenkte sie uns ein Taschentuch, innerlich stöhnten wir, wer brauchte Taschentücher, es gab ja bereits Tempo. Das nervige an Tante Fidelia waren jedoch nicht die Taschentücher, sondern Tante Fidelia selbst: Sie war alt, sie war klapperdürr und faltig, und, sie war nicht ganz richtig im Kopf, sie war all das, was wir nie werden und sein wollten.
Anfangs bemerkten wir nur kleinere Verrücktheiten: Tante Fidelia saß vor einem Teller mit Johannisbeergrütze und starrte auf die Formationen aus bleich aufgequollenen Sagokörnchen und Johannisbeeren, dabei murmelte sie Sentenzen vor sich hin wie
“Dann werden Häuser gebaut, nicht wie Häuser, Schulhäuser wie Paläste, aber zuerst für die Soldaten. In den Städten bauen sie Häuser, hohe Häuser und davor kleine Häusl wie Immenstöcke oder Pilze, eins am anderen, schneeweiße Häuser mit glänzenden Dächern, und dann ist es aus, dann kommt der große Krieg”.
Mit der Zeit wurde Tante Fidelia immer seltsamer; nun sprach nicht mehr nur das Sago zu ihr, sondern auch die Maggi-Buchstabensuppe: ”Wers überlebt, muss einen eisernen Schädel haben.”
Schließlich sprachen Farben zu ihr und Preisschilder, Flyer der Zeugen Jehovas und Telegraphenmasten. Brachte man ihr das in den 60-er Jahren obligatorische Besuchsgeschenk mit, ein Pfund Kaffee, das bereits mehrfach im Verwandtenkreis herumgereicht worden war, geriet sie außer sich, “es spricht” schrie sie gellend, “aber ich verstehe es nicht genau und weiß nicht, wo es herkommt”. “Wer sollte mit dir sprechen”, fragten wir, “du bist nicht systemrelevant, warum sollte sich ein Pfund Kaffee die Mühe machen, das Wort an Dich zu richten?”
Man brachte sie zuletzt ins Landeskrankenhaus, ein barocker Prachtbau und ehemaliges Benediktinerkloster, geschlossene Abteilung, wo sie unter Aufsicht Körbchen aus beigegrauem Peddigrohr flechten musste, denn Taschentücher besticken war verboten wegen der dazu benötigten Nadeln und Scheren. Wenn wir sie besuchen (mussten) saß sie im Kreise der anderen Kranken und flocht graugelbe Körbchen, dabei murmelte sie vor sich hin, Sabber floss von ihren Lippen und hielt das Peddigrohr geschmeidig, im Hintergrund saß ein Therapeutenteam mit Klemmbrettern auf den Knien und schrieb alles mit. Die Eltern versuchten, ein Gespräch mit Tante Fidelia zu führen, was regelmäßig misslang, während wir Kinder die Peddigrohrkörbchen der Kranken bewunderten: Eines war wie das andere, in vollendeter Akuratesse geflochten. Übrigens waren wir die einzigen, die Tante Fidelia in der Anstalt besuchten.
Wegen der unerfreulichen Krankenbesuche waren wir unendlich froh, dass Tante Fidelia endlich das Zeitliche gesegnet hatte. Vollgekotzt, den galligen Geschmack der Magensäure noch in der Kehle, kamen wir in der Kirche an, Hunderte von Trauernden verpesteten die Luft mit Rotz und Tränen, in gestickte Taschentüchlein geweint. Irgendwo musste eine Taschentuchfabrik aufgemacht haben. Hatte Tante Fidelia so viele Freunde gehabt?
Damals wussten Coca-Carola und ich noch nicht, dass man sich erst mit dem Tod aufrichtige Freunde macht; wir waren auch noch weit vom Großen Latinum entfernt, der Spruch “Cui bono?” war uns unbekannt, aber trotzdem fühlten wir, dass man im Leben mit den Bienen fliegen muss, die einzelne Biene ist irrelevant, es zählt nur das, was der Imker aus den Waben herausschleudert.
Als der Leichenzug sich in Bewegung setzte, lauter schwarzvermummte Gestalten, die musikalischeren unter ihnen stimmten ein verzittertes “Selig sind die Toten” an, flog eine Biene auf meine Hand und stach zu, einfach so, danach musste sie sterben, so ist das bei Bienen, jedes Kind weiß das. Übrigens soll Tante Fidelia auf ihrem Totenbett gesagt haben: “Was geht mich mein angebliches Leben an.” Das hat aber niemand mitgeschrieben, das Therapeutenteam hatte gerade Pause, beim Sterben war sie zufällig gerade mal alleine.