Der perfekte Tag – die Leere der Zeitwogen II

von erinnye

Das Beethoven Violinkonzert ist  im Auto, bricht sich am Spiegel, versucht über die Decke zu entkommen, um dann im poroplastösen Kunststoffüberzug der Wattierung zu versickern, Solo-Violine und motivischer Nachhall des Orchesters. Beethoven hat nur dieses eine Konzert für Violine geschrieben, die Frage, warum, wäre diskussionswürdig, vielleicht hasste er die krampfige Kopfhaltung der Geiger,  aber morgens um 4.30  sind Fragen nicht wichtig, denn das ist der perfekte Tag. Noch nicht angenagt und zerkaut, zermatscht oder totgeschlagen steigt der perfekte Tag aus den Wiesen, verschlafen schüttelt er im Halbfinster ein wenig Tau von sich.

Fischreiher stehen in der Flussaue, mit gesenkten Köpfen, die Schnäbel an die Brust gedrückt, Augen geschlossen, Tautropfen prallen auf Gefieder und perlen am gut Eingefetteten ab. Die letzten Raubtiere schleichen sich in ihre Baue, Marder, Luchse, Ozelote, Wiesel, in den Fängen zappeln Mäuse, während der perfekte Tag sich nebelfetzig zwischen die Baumkronen verzieht und abwartend zusieht, was passieren könnte.

Im vierten Gang fährt das Auto untertourig durch ein Dorf, welches aus  einer straßenbegleitend leblosen Reihung eternitverkleideter Häuser besteht, nur die Radarfalle könnte kurzfristig aufschrecken und einen Blitz schleudern, aber schon markiert ein gelbes Ortsschild mit rotem Durchstrich, dass das Dorf vorbei ist, und  menschenhohe Grashalme der ungemähten Wiesen verschlucken das Gewürge der Schaltung.

Warum nicht mehr Violin-Konzerte, überlegt die Frau jetzt weiter, vielleicht verabscheute Beethoven die Verbissenheit der Geigenspieler,  rubinrot verschorfte Übflecken unter  Geigerkinnen, eine schweifende Mutmaßung ist das, eher keine Frage, denn Fragen könnten den perfekten Tag verscheuchen, aber der perfekte Tag stört sich auch an einer Halbfrage und treibt einen Schatten vor das Fahrzeug und zerpoltert die Klänge.  Ein Blick in den Rückspiegel: Da liegt was.

Weiterfahren wäre eine Möglichkeit, eine andere wäre, anzuhalten und nachzuschauen, Alternativen zuhauf.

Während sie aussteigt, beendet sich der erste Satz des Violinkonzertes selbst, der Haufen war mal eine Katze, nein, ist noch eine, graugetiegert auf der Seite liegend, die Zungenspitze durch weiße Zahnreihen gesteckt, ein Auge nur ist zu sehen, das andere liegt in rotem Schlick auf dem Asphalt,  wie zwei mit den geschärften Seiten aneinandergelehnte Sicheln schwimmt die Pupille auf einer Iris von der Farbe sterbenden Grases, ein kleiner mandelförmiger Abgrund wimmert dazwischen, darunter schreit eine Tiefe, so könnte das immer weitergehen.[Ein déjà-vu, denkt die Frau, oder ist das eine Passage von TC Boyle, als das Eichhörnchen auf der Straße lag und sein Kopfinneres auf den Asphalt verkleckerte, es bedurfte eines brutalen Halbwüchsigen, der gnädig den Schädel des Eichhörnchens zertrat, wegen der Erlösung. „Wenn das Schlachten vorbei ist“.]

Die Vorderpfoten der Katze zucken, Nervenbahnen hängen träumerisch dem Mäusejagen nach, dem Kralleneinschlagen in die Beute und dem Spiel mit der Gier, was mache ich jetzt, fragt sich die Frau, außer auf diese  Pfoten und auf die größer werdende Blutpfütze unter dem Katzenkopf zu starren, nichts kann man tun, außer einsteigen und weiterfahren, in den perfekten Tag hinein, denn jetzt ist es 5 und der perfekte Tag wartet nicht mehr hauchig  in den Bäumen, sondern als buntschreiende Clip-Art steht er grob mit einer Kinderschere ausgeschnitten am himmelblauen Himmel, strahlt böse aus der sonnengelben Sonne und nistet in wolkenweißen Wolken.

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