Scripted Reality (in Blau (Rot?))

von erinnye

Im Skript steht “Frühling, blassblau”. Regieanweisungen lassen Vögelchen flattern, in Aufbruchstimmung picken sie am Boden. Tulpen  in Echtrot und seifenblaue Hyazinthen.

Einer der Handlungsstränge sieht Bärlauch-Mousse vor, das muss jetzt sein, genauso wie Straßencafés. Der Chanel-Lidschatten PURE BLUE ist erhältlich  in matt, pudrig, seidig, oder intensiv metallisch. Authentischer Latte-Macchiato-Schaum, wenngleich irisierend.  Chanel Lippenstift Rouge Allure Velvet als Handlungsalternative zum  Glanz.  Er soll ein Gefühl absoluter Schwerelosigkeit hinterlassen.

Aphrodite wird aus dem Milchschaum geboren,  in der folgenden Szene  jedoch peripetischer  Glücksumschwung, denn statt des erwarteten positiven Ereignisses steigt Unglück empor wie aus einer schwarzen Chanel-Lippenstift-Hülse: Bei Breuninger RED sind die Chinelle-Jeans ausverkauft.

Das Skript ist abgegriffen. Außerhalb der Zeitkontinuität schwebend entfaltet sich hinter den löchrigen Zeilen ein zerknäulter Handlungsfaden. Jemand erntet den Bärlauch nicht mit dem Messer,  sondern rupft ihn im Ganzen aus dem Erdreich. Ein Engerling träumt in den Bärlauch- Wurzeln vom Himmelsblau.  Jäh aus der Tiefe gerissen und vom Vögelchen aufgepickt, umhüllt ihn beim Emporschweben ein strenges Coelin, einen Augenblick lang im Zustand der Gnade, bis er in eine Regentonne fällt,  handelsüblicher  zyanblauer Plastikbehälter. Ein nicht vorhersehbarer aber dramatischer Ausgang und Resultat der bedauerlichen Überbewertung des Bärlauchs.

Scripted Reality. Schlichtleben in Endlosserie, Storyline in matt, pudrig, seidig, irisierend oder intensiv metallisch, gelegentlich Rot. Man könnte sich fragen, wer so was schreibt.

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