Wilde Hunde

by erinnye

Jaques Androuet du Cerceau, Lecons de perspective positive (1676), via tonguedepressors.tumblr.com

 Vor den Mauern lagern wilde Hunde. Ich beobachte sie vom Wachturm aus, hinter Stacheldrahtgespinsten kauernd. In den letzten Monaten haben sie dazugelernt, sie jagen jetzt effektiver. Ein Leitrüde hat sich etabliert, ein schlankes Tier mit sandgelbem Fell. Es ging nicht ohne Verluste, im Siegergeheul schwang auch Klage mit. Das Alphatier hat den Kopf zwischen die Vorderpfoten gelegt, entspannt, aber seine Blicke bohren sich durch den Stacheldraht, während das Rudel jede Regung des Leitrüden beobachtet, zwar vorgeblich mit eigenen Belangen beschäftigt, kratzen sie Läuse weg oder Zecken,durchkämmen ihre Felle mit spitzen Zähnen nach Flöhen, aber Schwächen des Alphas würden sofort bemerkt, eine intakte Konkurrenzgemeinschaft.

Der Leithund richtet sich auf und hebt die Schnauze, er könnte den aasigen Angstgeruch eines Wildrindes wittern, immer wieder verfangen sie sich im Akaziengestrüpp beim Wasserloch. Die Wildrinder leben gut, vom Steppengras und auch vom Mais, der sich in der Ebene ausgebreitet hat, ihre letzten Feinde sind die Hunde. Als es noch Wissenschaft gab, dachte man bereits an die Zukunft und brachte wasseroptimierten Mais auf die Felder, ein freundlicher Name, gemeint aber war Dürremais, den Wüstenweizen nannten sie klimakonform.

Die Alten erzählten noch von Gärten voller Blumen, nur der Schönheit verpflichtet, ihre Vorfahren hatten es erzählt. Im Frühjahr kaufte man die Blumen und setzte sie in prallbuntem wasserdurstigem Optimismus vor die Häuser. Damals waren die Hunde noch Freunde der Menschen,sogar beste Freunde, wahrscheinlich verwechselte man geordnete Tauschbeziehungen mit Freundschaft.

Als Freunde gingen sie duldsam an der Leine, manchmal spielerisch bellend. Während wir schliefen studierten sie unsere erbärmlich weichen Kehlen und unsere ängstlichen Träume. Heute bellen sie kaum noch, statt dessen heulen sie wie einst die Wölfe, scheue Tiere, die den Menschen nicht kannten. Als die Blumen in den Gärten seltener wurden, längst hatten Kohl und Kartoffeln ihren Platz eingenommen, kam die große Zeit der Hunde, sie bewachten unser Eigentum, immer kampferprobter, der Wert dessen, was es noch zu verteidigen gab, wurde bald unbezahlbar.

In dieser Zeit bauten die Alten die Anlage, HEMERA genannt, aber zuletzt sagte man nur FESTUNG, denn Worte haben längst ihre begütigende Macht verloren. Anfangs wurde Tauschhandel betrieben, Menschen drängten sich vor dem Tor und boten Dinge zum Tausch gegen Rettiche und Weizen, lockend hielten sie Elektronikgeräte, Mobiltelefone und Silberlöffel über die ausgemergelten Köpfe, gelegentlich boten sie sich selbst an. Wir aber nahmen allenfalls ein gutes Messer oder einen Sack Nägel. Später vernagelten wir die Gitterstäbe des Tores, wir wollten weder die an die Eisenstäbe gekrallten Hände sehen, noch duldeten wir fremde Blicke auf unsere saftigen Plantagen, auf unsere Tiefbrunnen und Solaranlagen, auf die meterdicken Mauern unserer Häuser und auf uns. Wir bauten die Wachtürme, manchmal schossen wir, die Toten begruben wir im Akazienwald, es klagte niemand. Nachts saßen wir im Gemeinschaftsraum und sangen mit zittrigen Stimmen gegen unsere Seelenlosigkeit an.

Das Hunderudel hat die Witterung der Beute aufgenommen, in fast lautloser Verständigung haben sie das Akazienwäldchen umstellt. Es wird nicht lange dauern, bis sie das Wildrind zerrissen haben.   Ich bin froh über den Vorsprung. Noch haben sie nicht die brüchige Stelle in der zerfallenden Mauer entdeckt, meine arthritischen Knochen taugen nicht mehr für Bauarbeiten.

Die Kinder sind schon lange weg, “hier drinnen ist es nicht besser als draußen”, sagten sie,aus den Augenwinkeln den Vorrat an vertrockneten Süßkartoffeln abschätzend.

Irgendwann werden die Hunde kommen. Sie kennen mich.

Vielen Dank Vallartina für den Artikel über XUL.