Glitzerbonbon – Déjeuner sur l’herbe

von erinnye

Vor dem Colonia-Hochhaus liegt grünglitzrig ein Bonbonpapier zwischen pflegeleichten Bodendeckern. Jemand wird es dort hingeworfen haben, nebenan drücken sich Krokusse aus dem Rindenmulch, die Straße schnauft schweratmig, und über dem Autotunnel hängt kein sprechender Pferdekopf, aber dahinter leuchten narzissengelb die Riehler Heimstätten. Smog wirbelt wie Blütenstaub, minimale Möglichkeit, dass der Wind das Glitzerpapier von der Uferpromenade hergeweht hat. Auf dem Rhein haben sich matronige Ausflugsdampfer mit Glühbirnenketten geschmückt, unterwegs zur Loreley, leergeschaufelte Kohlekähne lassen sich nach Rotterdam treiben, hohles Sirenengrüßen.

Augen zusammenkneifen, zwei monethaft gepixelte Damen in legerer Frühjahrsgarderobe zeichnen sich unscharf sich vor dem abgründigen Dunkel des Erlenwäldchens ab, und es ist nicht zu erkennen, welche die Magd ist und welche die Königstochter, die beiden Begleiter halten sich im Hintergrund. Die Damen wenden sich dem Fluss zu und den Schiffen, Taschentücher flattern und fallen ins Wasser, drei Blutstropfen waren darin, das Flusswasser wäscht die Blutstropfen aus, narzisstisch gekränkt lösen sich zelluläre Bestandteile ab, Erythrozyten und Leukozyten flottieren frei, und Thrombozyten fließen unstillbar.

Geschwächt vom verwässerten Zauber lässt die Königstochter den Tausch zu: Die Magd putzt sich zur Königstocher auf, während sich die Prinzessin weinend in das knappe Magdgewand zwängen muss, gekränkt beide.

Die Taschentücher hingegen treiben weiter, langfaserige Zellulose hält viel aus, hochweiß gebleicht, das eine war früher eine Zeitung, das andere ein Aktendeckel,einen Rohstoffzyklus zuvor waren sie Bäume, aber bei genauerer Betrachtung ist alles eine Sinnestäuschung im zufällig gewählten Bildausschnitt, reine Vorspiegelung von Licht und Farbe, Magd und Königstochter sind eines, mit mädgehaftem Hochmut kehrt sie zum Erlenwäldchen zurück, klagt nicht dem eisernen Ofen, auf dass sie belohnt werde und bestimmt nicht ihre eigene Strafe, ein Fass, das mit Sorgfalt und Akribie inwendig mit spitzen Nägeln ausgekleidet wurde, zwei weiße Rösser davor.

Dankbar nimmt sie das Glitzerbonbon,  wickelt den runden Bonbonkörper aus, legt ihn sich auf die Zunge, süßer Zauber zerfließt zu schmelzender Süße  und schmeichelt dem Rachenraum. 

Im Fluß treiben die Taschentücher, weiße Zellulosegespinste, eines wird an einer Fischtreppe hängenbleiben, in Höhe von Bayer Leverkusen, das andere wird bis Rotterdam treiben. Vielleicht, denkt sie, bestünde eine winzige Möglichkeit, dass es sich im Containerhafen im Gewinde einer Schiffsschraube festsetzt, ein paar langfaserige Zellulosebestandteile werden es bis Panama schaffen, immer noch hochweiß.

Der Wind nimmt das Glitzerpapier mit, kurzer Augenblick von reinem Licht und reiner Farbe, schwarzfrei, und legt es vor dem Hochhaus ab. Im Papier der farblose Abdruck von Süße, die Ampel wird grün.

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