EDEN II – Monolog der Schlange
von erinnye
Auf dem Bauch kriechend raschle ich durch trockenes Steppengras , Dornen und Disteln und feuchte Mangrovenwälder, ich winde mich durch sandige Ruinen und schwimme durch Unterwasserstädte, meine Kinder und Kindeskinder spielen in verstaubten rosa Barbiehäusern und züngeln an schimmelbepilzten Playmobillandschaften, freuen sich an Extremen, die Erde ist uns untertan, kein Fuß tritt auf uns, der Mensch hat für uns Eden II geschaffen.
Bevor Eden I gemacht und produziert, erschaffen und generiert wurde, war die Welt eine andere, denn sie wurde nicht gemacht, sondern geboren, und wie alles, was geboren wird, war sie nicht dem Willen eines Erzeugers untertan. Göttinnen und Götter gebaren Berge, Täler und Erden. Dann MACHTE ein rachedurstiger Wüstendämon Eden I, einen abgesperrten Garten, beherrscht von dem aus Ackerboden gekneteten Mann und der aus blutigen Rippen gehackten Frau, MACHT euch alles untertan, sagte der Macher des Gartens, ein heißer Staubhauch über einem brennenden Dornbusch, Ebenbild seiner Geschöpfe.
Mich machte man zur Wächterin der Bäume, man sagte mir Weisheit nach, und die Frau streichelte verstohlen über meinen Kopf, wenn ich zwischen Äpfeln und Feigen süße Heimlichkeiten zischelte, an ihrer Frisierkommode sitzend fuhr sie mit den Fingerspitzen träumerisch über die glänzenden Schuppen meiner abgelegten Häute, Zeichen der Unsterblichkeit.
Als die Menschen die Frucht gegessen hatten, erkannten sie das Böse, und rachsüchtig vertrieben sie sich gegenseitig aus Eden I. Das Herrschen und untertan Machen nahmen sie mit sich, und weil die Frau der Schlange geglaubt hatte, wurde sie dem Mann untertan, das Gebären eine schmerzvolle Strafe für die Untertanin. Weil er der Frau gehorcht hatte, wurde der Mann dem Ackerboden untertan und beide, Mann und Frau, traten auf meine verteufelten Köpfe, ich aber stach sie manchmal in die Ferse, als Erinnerung an Eden I.
Unermüdlich arbeiteten sie an der Rekonstruktion von Eden I, beherrschten sich gegenseitig, Untertanen machten in schweißiger Arbeit Untertanen und aßen steiniges Brot, und in ihrer Allmacht produzierten sie Eden II, jetzt sind sie Gott, zu Staub vergangen wehen sie über Wüstenhügel.
.

schlicht atemberaubend, dieser Text!
Vielen Dank Liisa, freue mich sehr!
Sehersich. Sphinxisch – das Portrait der Dame mit ihrer Haube erinnert mich in Ausdruck und Form daran.
Jetzt wo Du es sagst, sehe ich es auch. Ich wusste gar nicht, warum ich die Haubendame ausgewählt habe …
[...] der Monolog der Schlange [...]
Da ist ja doch vieles von dem, was in unserem Dialog der letzten Woche von Dir benannt wurde in eine wie ich meine sehr gelungene Form geflossen. Die Schilderung zu Eden 1 und 2 aus Sicht der Schlange und die komplett veränderte Sichtweise der biblischen Edengeschichte bei Aufgreifen von biblischen Motiven finde ich sehr anregend und bedeutet einen krassen Perspektivewechsel gegenüber der herkömmlichen Sichtweise. Auch die Fussnote hat einen wichtigen eigenständigen Wert.
Und der Gedanke von der Rekonstruktion des Paradieses ist mehr als gelungen und erzeugt bei mir Bilder.
Ich werde diese Geschichte ebenfalls gerne in meinen Fundus zur späteren Verwendung aufnehmen.
Herzlichen Dank.
LG Juergen
Vielen Dank Juergen, insbesondere für die Anregung auf Deinem Blog und überhaupt den Begriff: Eden II, der für mich irgendwie etwas Endzeitliches hat. Die Fußnote hatte ich bevor Du hier kommentiertest gerade wieder entfernt, weil sie natürlich eine Binsenwahrheit ist, andererseits wollte ich damit zum Ausdruck bringen, dass mir durchaus bewusst ist, dass von theologischer Seite egal welcher Religion für diese Schöpfungsgeschichte Ausdeutungen vorhanden sind, die sie modernitätsverträglich machen, insbesondere in Bezug auf das in dieser Geschichte transportierte Frauenbild. Ach ja, letztendlich alles eine Frage der Auslegung, nicht umsonst kann man auch die beknacktesten frauenfeindlichsten Stellen der Korintherbriefe des Paulus noch integrieren. Ach ja.
” … ich aber stach sie manchmal in die Ferse, als Erinnerung an Eden I.”
Schön!
Ob das natürlich für die Gebissenen so schön war…
Man kann sich wirklich nicht um alles kümmern … als Schlange.
Nein, das wäre definitiv zu viel verlangt, muss mich ja bereits um DAS BÖSE kümmern.
Oder um Hellsichtigkeit, wie in der Antike.
Ja!
Jetzt wird mir klar, woher die mal mehr, mal weniger unterschwellige Angst vor Schlangen kommt… toll geschrieben!
Vielen Dank Richensa fürs Lob. Also ich würde mir auch keine Schlange halten…
Eine neue, Deine, Definition der Post-Apokalypse!
WOW.
Danke! LG