Saturn ist eine Blumeninsel

von erinnye

Strafe und Furcht waren fern; nicht lasen sie drohende Worte
Nicht an geheftetem Erz, noch stand ein flehender Haufe
Bang vor des Richters Gesicht: Schutz hatten sie ohne den Richter.

Ovid über das goldene Zeitalter,  Metamorphoses, 1, 90-92

“Ich brauche  noch Bananen” sagt Hermine, nachdem sie sich mit zitternden Fingern angeschnallt hat.Beginnender Parkinson oder Alzheimer oder das Anfangsstadium der will-ich-lieber-gar-nicht-wissen-Krankheit.

Ich habe sie in die Stadt mitgenommen, eigentlich nicht mitgenommen, sondern bin 7 Dörfer flußaufwärts gefahren, um dann mit ihr 9 Dörfer flußabwärts zu fahren. Gerade umrunden wir den Kreisverkehr. Im Sommer ist in der Mitte eine bunte Blumeninsel. Jetzt im Februar ist die Insel ein brauner Haufen. “Aber nur,wenn es Dir nichts ausmacht”, fügt sie anstandshalber hinzu. Nö, macht mir nix aus, bleibt mir ja auch nichts anderes übrig, es gelten familiäre Rücksichtnahmen, oder zumindest angeheiratet familiäre, schließlich ist niemand eine Insel. “Wir können beim Aldi vorbeifahren” sage ich. “Aber ich brauche BIO-Bananen”, meint Hermine. “Auf den normalen Bananen ist so viel Giftsäure”. Da hat sie natürlich Recht und deshalb fahre ich zum Einkaufszentrum.

Morgen werde in Hermines Dorf der frühere Galvanik-Besitzer beerdigt, erzählt Hermine. Die Firma sei seinerzeit abgebrannt. Ist aber schon lang her und der Galvanikbesitzer war im Dorf ein geachteter Mann, denn das Geld war bei Konkursantrag längst bei der Ehefrau. Hermine konnte den Mann nie leiden, aber er war ein Geschäftspartner, die ganze Elektrik hat der Paul in der Galvanik ausgerüstet. Es waren goldene Zeiten damals, die 60-er und 70-er Jahre. Beim Requiem wird der Musikverein spielen. 

Während wir im Rewe die Bio-Bananen antatschen, erklärt Hermine, dass die Toni, die Frau vom Beppeler-Karl, ihr vor vielen Jahren ein Geheimnis anvertraut habe. “Ja was denn”, frage ich. “Der Beppeler-Karl war die Rechte Hand in der Galvanik, als Vertrauensperson war er auch für den Schieber zum Fluß hin zuständig. Und auf dem Sterbebett konnte er gerade noch seiner Frau zuflüstern: ‘Toni, horch mal her, auf dem Berg liegen Fässer aus der Galvanik begraben’”. “Auf eurem Berg liegen Giftfässer?”, frage ich empört und so laut, dass sich die Leute in der Kassenschlange vor uns irritiert umdrehen. “So hat er’s gesagt”, sagt Hermine.  Ich habe eine Steinofen-Pizza, vegetarisch, in der Hand, so eine, die in Neapel auf vulkanisch galvanisierten Steinöfen gebacken wird, oder vielleicht sogar auf der Insel Capri, mit Blick auf den Vesuv. “Warum macht da keiner was?”, frage ich. Hermine zuckt mit den Schultern, etwas ungelenk. “Es weiß ja niemand, wo sie liegen”. 

Neben Rewe ist Saturn, und während Hermine sich wieder ins Auto quält, liest sie das Schild vom Saturn, mit Anstrengung, denn die Schrift geht von unten nach oben, den Kopf muss sie dazu in Schräglage bringen. “Da war ich mal”, sagt sie. “Ah, ok, ich war da auch mal”, sage ich. “Ja, auf Saturn”. “Wie jetzt, du warst AUF Saturn?”. “Ja, damals, bei der Kreuzfahrt”. “Das Schiff hieß Saturn?” “Nein, nicht das Schiff, die Insel”. Hermine wird ungeduldig und hinter uns hupen Autos. “Die Insel heißt Saturn”, nimmt Hermine die Unterhaltung wieder auf. “Meinst du vielleicht Santorin?”.

“Ja Saturn”. “SAN-TO-RIN”, deklamiere ich laut und deutlich. “Santorin. Wunderbar ist es dort. Das ist die Blumeninsel”. “Ach so”, sage ich und bisher kannte ich ja nur die Insel Mainau als Blumeninsel, oder war es Madagaskar? Wir fahren wieder um die Erdinsel am Kreisverkehr.

Zuhause google ich Bilder von Santorin. Blumen sehe ich keine. Nur viel Weiß und Blau. Ich wäre jetzt gerne auf Saturn. Oder wenigstens Madeira.

Google-Suche Santorin

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