Die Gedanken sind frei – Vitalfunktion im Aquarium

von erinnye

Auf dem Teller liegt eine Bohne in Embryonalhaltung, feist glänzend, auch der Teller glänzt, vollkommen fett- und dressingfrei. Widerständig entgleitet die Bohne Messer und Gabel. Ein Ansatzpunkt wäre allenfalls die von der Krümmung geschützte Stelle. Aber eine Bohnensektion wäre zu aufwendig und deshalb nehme ich mit den Fingern die Bohne und stecke sie in den Mund, kauen geht nicht, ohne sich die Zähne zu brechen, deshalb im Ganzen runtergeschluckt.

“Der Schluckreflex ist ein schon vorgeburtlich ausgebildeter Fremdreflex, der die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ermöglicht, ohne dabei die Atmung zu gefährden. Er bestimmt den Ablauf des Schluckaktes beim Gesunden auf mehreren Ebenen.” 1

Die Bohne denkt gar nicht daran, sich vom sauren Gemenge aus Pepsinogenen und Magensaft zersetzen zu lassen, statt dessen widersetzt sie sich treibt einen Keimling, der energisch die dafür vorgesehene Sollbruchstelle durchstößt. In geradem Wachstum ignoriert er die Kleine und die Große Kurvatur, durchquert den Mageneingang und entfaltet sich blätterbildend in den Ösophagus, löst im Rachenraum einen minimalen Brechreiz aus, um dann erleichtert aus dem Mund zu quellen. Das Zimmer hat eindeutig etwas Aquarienhaftes. Warum um Himmelswillen sind die Sofas aus beigem Alkantara, habe ich den Geschmack einer 150-jährigen? Kann es sein, dass der Raum manchmal wackelt, wenn der Fischfreund lauernd das Aquarium umkreist und nach den tropischen Schillerfischen Ausschau hält, die sich bläschenkichernd in den Sofaritzen der beigen Korallenriff-Imitate verstecken?

Jetzt umschlingt die Bohnenranke zärtlich  eines der Sofas, und rankt sich die Fenster hoch, ganz eindeutig dem Licht entgegen, in der Absicht, bis in den Himmel zu wachsen und dem bösen Riesen dort oben, der alles schlachtet, was ihm vor die Füße läuft, die goldene Lyra zu entwenden. Nie wäre dann wieder Langeweile. So wirken die Sinnen, die dennoch durchdringen, aber leider ist da das Glas, sollte mich aber nicht hindern, denn meine Gedanken zerreißen die Schranken.

“Das ist das Gehirn einer 150-jährigen,” erklärt der Professor den Sponsoren, die vor der Apparatur stehen. “Die Vitalfunktionen sind zufriedenstellend. Soeben haben wir der Nährlösung Sojalezithin zugeführt.” Der Professor stößt zärtlich ein wenig an den Glasbehälter, als wolle er einem verständigen Koi-Karpfen seine Anwesenheit signalisieren. Die Sponsoren nicken zustimmend. “Kann man die Gedanken entschlüsseln?” fragt eine Sponsorin. “Wir arbeiten bereits daran”, antwortet der Professor verbindlich, wie immer darauf bedacht, den nährenden Strom des Geldes aufrecht zu erhalten, “aber wir stehen ganz am Anfang. Sie kennen ja die Zeilen:

Wer kann sie erraten? Sie fliehen vorbei, wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Kerker verschließen.

Im übrigen vermuten wir, dass es interagiert.”

Jetzt muss ich auch noch abgedroschene Verse zitieren, denkt der Professor, Gedanken sind großteils das Ergebnis von Interaktionen zwischen Neurotransmittern und neuronalen Strukturen, grauenhafte Melodie übrigens, und die alte Schachtel stellt dauernd unnütze Fragen, ohne die könnte ich schon längst beim Mittagessen sein, gibt heute immerhin Separatorenfleischersatz-Gulasch in der Kantine, und außerdem, die sollte mal in den Bindegewebsregenerator. Eine Zumutung ist das alles.

1Wikipedia, 02.02.2012, Schluckreflex

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