Traumhotel Chemnitz: Date mit Nischel und Tischtelefon
von erinnye

Ich habe ein Date in Chemnitz. Das passt schon, denn in Chemnitz kennt mich keiner. Ich kenne Chemnitz auch nicht gut. Ok, die IHK und den Fristbriefkasten vom Regierungspräsidium. Alles andere ist terra incognita. Wir treffen uns auf einem Parkplatz in der Nähe vom Nischel, der 7,10 m hohen Portraitbüste von Karl Marx. Hallo sage ich. Das Date sagt auch Hallo. Ich äußere den Wunsch, den Nischel zu besichtigen. Wenn ich schon mal vor Ort bin. Wir kämpfen uns über die Brückenstraße und schauen den Nischel an. Der Nischel blickt an uns vorbei und übersieht uns vollkommen. Das Date schlägt vor, in die Innenstadt zu gehen. Er kennt sich aus. Der Nischel ist die zweitgrößte Portraitbüste der Welt. Die größte steht in Ulan-Ude. Ist aber ein Lenin. Ich bemerke:“ Eine denkwürdige Portraitbüste. So ganz ohne Hals und Schultern. Sieht aus wie ein amputierter Kopf. Im Anatomie-Kurs für Zahnmediziner arbeitet man an solchen Köpfen. Obwohl, da ist meistens doch noch ein Stück Hals dran.“
Das Date schaut mich von der Seite an. Oder eher von seitlich oben, denn das Date ist ein großer Mann. Auf meinem inneren Flachbildschirm läuft der Freitagabendfilm bei der ARD ab. Das hier ist nicht Chemnitz, sondern Traumhotel Vietnam. Ich bin die junge blonde Firmenspionin und von der Konkurrenz auf einen ökologisch korrekten Hotelbesitzer angesetzt. Von der Doppelbelastung als Spionin und Frau mit Herz zermürbt, schleppe ich mich an die Poolecke und rufe über Handy meine beste Freundin in Deutschland an. „Ich kann das nicht mehr“, klage ich ins Handy. „Du solltest sehen, wie er mit dem Baby umgeht. Total liebevoll.“ Das mit dem Baby ist jetzt übertrieben, denn das Date hat kein ausgesetztes Baby vor seinem Hotel gefunden. Es hat auch kein Hotel, sondern arbeitet bei der Bank. „Groß, breite Schultern, graue Schläfen. Ein Mann zum Anlehnen“, schwärme ich der Freundin vor. Wir passieren den Roten Turm. Ich erwarte, an der Turmecke eine sympathisch betagte Vietnamesin mit Reishut vorzufinden, die mir kostenfrei aus der Hand liest und die Resultate in akzentfreiem Deutsch verkündet: „Sie sind eine lebensfrohe Frau. Und dieses Jahr haben Sie Glück in der Liebe. Ihr Begleiter ist ein guter Mann“. Aber die Erwartung wird enttäuscht. Die Turmecke ist leer. Wir gehen am Kaufhof entlang und ich sage „Der Kaufhof sieht aber super aus.“ Neben dem Restaurant plätschert ein Bach in gemauertem Bett. Dschunken sind keine zu sehen.
Im Restaurant fragt das Date: Darf ich Sie Erinnye nennen“. „Natürlich, Gernot“. Ich bestelle Salat. Nur Salat. Das macht sich immer gut und signalisiert innere und äußere Fitness. Gernot hat zwar kein Findelbaby, das in dramaturgisch wichtigen Situationen lustig einnässt. Aber er hat ein Smartphone. Schon bevor sein Schleckertöpfchen Chemnitz kommt, beginnt er, besänftigend das Smartphone zu tätscheln.
Um gleichzuziehen grabe ich meinen Dienstziegel aus der Handtasche. Mal checken, ob der Chef was in Sachen Budgetplanung gesimst hat. Der interne Flachbildschirm flackert geheimnisvoll. Ich bin plötzlich dort, wo ich früher immer mal reinwollte. In der Bastei, oder vielleicht heißt es auch Club Zero. Ein verrufenes Nachtlokal.
In gewagter 50-er-Jahre-Eleganz schmiegt es sich halbrund verglast an einen innerstädtischen Felsvorsprung. Unten tobt der Verkehr, ächzt der Busbahnhof und tickt die Normaluhr. Die besten Zeiten hat das Etablissement hinter sich. In den Fenstern kleine Tischleuchten, wahrscheinlich mit Messingfüßen. Abends sieht man vom Busbahnhof aus einsame Silhouetten vor den Tischen sitzen. In der Bastei oder dem Club Zero gibt’s den Gerüchten zufolge Tischtelefone. Nie habe ich die Tischtelefone persönlich gesehen. Und jetzt bin ich plötzlich drin im Club Zero. Rotbeplüscht schmiegt sich der Raum um die spärlichen Besucher. Auf den Tischen diskrete Lämpchen neben den mit waldgrünem Brokat bezogenen Tischtelefonen. Ich nehme den brokatenen Hörer ab und wähle die Nummer von Tisch 17. Die Wählscheibe rattert vertrauenerweckend. Der ältere Herr im dunkelblauen (oder weinroten?) Blazer mit Goldknöpfen nimmt ab und wir erzählen uns nischelnd und wispernd wichtige, sinnvolle Dinge. Das Beste an der Sache ist: Wir müssen uns dabei nicht in die Augen schauen.
Gernot ist fertig mit dem Schleckertöpfchen, ich kaue am letzten Salatblatt. Wir haben unsere Waren ausgetauscht. Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert.
Am Parkplatz verabschieden wir uns. Gernot hat ein enges Terminkorsett. Der Nischel starrt immer noch körperlos über die mehrspurige Straße.
Auf der Rückfahrt komme ich an Ikea Chemnitz vorbei. Ich habe Hunger. Sollte ich halten und ein Köttbullar essen? Nein, zu spät, die haben schon zu.
die Geschichte hat etwas beklemmendes, realsatirisches. Nur der Smartphonestift hat mich irritiert, allerdings habe ich gelesen, das Smartphone Oberflächen Bakterien Behausungen sind:http://mobilemetrics.de/2011/09/22/infografik-bakterienschleuder-smartphone/
Danke NixZen. Das mit den Bakterienbehausungen ist grauenvoll. Gut, dass er einen Smartphone-Stift hatte
Ein schöner Kontrat zwischen dem plüschigen Tischlämpchen- mit Brokattelefonteil und dem Banker- und Nischelgrau. Handelt es sich bei der Geschichte um ein älteres Modell? mein liebes altes MDA compact Jahrgang 2005 hatte auch diesen schicken kleinen Stift zum darauf herumpicken.
Richtig datiert, also die Szene, nicht der Text.
Ich hatte aber einfach dieses Bild mit dem Stift vor Augen.
Ich habe jetzt diesen üblen Anachronismus beseitigt. Sonst kommt noch jemand auf die abseitige Idee, das hätte sich NICHT gestern abend ereignet
War wohl sehr nachhaltig, dieser Freitagabendfilm!
Hab’ jetzt Vietnam-Hotel web-gecheckt: kein Wunder, dieser Sprung auf einen älteren Herrn mit Blazer und Goldknöpfen!!! und angestaubten Etablissements! oyoyoy…
Oh, gibts da wesentliche Features dieses Werkes im Netz? Sehr löblich von der ARD.
Muss ein Date in Chemnitz so aufs Gemüt schlagen? Wäre es, sagen wir mal, in Rothenburg ob der Tauber besser verlaufen?
Nö, in Rothenburg ob der Tauber wärs noch schlimmer verlaufen. Da gibts nicht mal nen Nischel. Also nichts Erwähnenswertes
Wobei, ein paar schunkelnde Fachwerkliebhaber hätten die Atmosphäre möglicherweise schon aufgelockert…
Eben.
Mir scheint jedoch, der zärtliche Blick aufs Smartphone war prägender als die zornigen Augen vom Nischel. Das ist natürlich unabhängig vom Ort, so gesehen wäre es am Rande des Tagebaus auch nicht schlimmer gewesen.
Ein Date in Garzweiler hätte der Sache mal echte Tiefe verliehen.
Ach, da wäre die Gegend um Cottbus doch auch für echte Tiefschürfer geeignet… Ist nur nicht so weit wie Garzweiler
Ich habe mir überlegt, dass Tagebau noch zu oberflächlich ist: Das nächste Date findet definitiv in einem erzgebirgischen Schaubergwerk statt. Da tun sich konversationsmässig dann hoffentlich mal Abgründe auf.
Und Tropfsteinhöhle? Zusätzlich tropft da der Zahn der Zeit.
Daran wird man ja nun in meinem Alter nicht so gerne erinnert.
Alles ist vergänglich, das Date, die Liebe, … Ich würde an deiner Stelle diese Option im Auge behalten.
Ok, das baut mich jetzt wieder auf
Ach, da bin ich beruhigt. Gernot & Erinnye, das hätte einfach zu dräuend geklungen. Der Nischel ist aber wirklich hübsch.
Dabei hatte ich eigens die Nagelschere mitgenommen, um in den Sockel vom Nischel G&E einzugravieren.
Och Mensch, das hätten wir aber wieder gut gefunden ..
Das Herz im Nischel-Sockel oder die Namenskombination? über beiden Vorhaben strahlte wohl kein guter Stern.
Das ist so irre!!!
Und ich wohne nur 10 min entfernt, wie gern hätte ich Mäuschen gespielt!
Und bei Ikea gibt es auch MC D., Mensch! So ein richtig schöner fleischiger Burger entschädigt einen doch für alle Gernots dieser Welt. *g* (Ich ernähre mich übrigens fast vegetarisch, also nicht zu ernst nehmen, was ich hier schreibe!)
Klasse Beschreibung, das nächste Mal gibst du mir bitte Bescheid, da spiele ich echt Mäuschen!
Hab einen schönen Wochenbeginn! Herzliche Grüße
H.
Echt, 10 Minuten? Von Chemnitz kenne ich tatsächlich am besten den Ikea. ich gebs zu. Vor dem Ikea ist noch ein großes Zoogeschäft oder so etwas. Und diese Einkaufspassage. Hach, gerade wird mir Ikea Chemnitz wieder richtig präsent. Danke für die Wünsche für die Woche, die ich gerne zurückgebe. LG nach Sachsen
Ja, Richtung Wald. Eigentlich gegenüber vom Wald. Fast im Wald. Sozusagen.
Glücklicherweise verirren sich die Gernots dieser Welt nur sehr selten dahin.
Wenn die erst mal durch einen dunklen Wald müssen. Da ist dann vielleicht kein Handy-Empfang. Aber meiner Erinnerung nach kommt da gleich Hohenstein-Ernstthal. Dass da irgendwo Waldgebiete sind, habe ich offenbar verdrängt.
Ganz ehrlich? Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass irgendwann eines Morgens ein richtiger Kerl mit einem Becher heißen Kaffee vor meiner Haustür steht, sich nicht von meinem als durchaus leger zu bezeichnenden Outfit verschrecken lässt, und höflich fragt, ob er mich auf meine Hunderunde begleiten darf … Was wären wir ohne Träume.
Ich wohne eher entgegengesetzt von Hohenstein. Ich meine ja nur. Falls das hier ein potentieller Kaffebecher- und Hunderundenliebhaber lesen sollte. *g*
Liebe Grüße an dich!
Das kann ja nicht so schwer sein. Kaffee und Hunde mögen doch die meisten. Außerdem sind das ja keine Entfernungen. Hohenstein oder Annaberg. So what.
Nachtrag: Wenn ich darf, “verlinke” ich dich mal, nicht dass ich solche Beiträge noch irgendwann einmal verpasse!
Vielen Dank, da fühle ich mich geehrt! Vielleicht sollte ich doch mal wieder eine Blogroll anschaffen, dann würde ich jetzt zurücklinken!
Flirttechnisch besonders charmant finde ich die geistvolle Bemerkung über den Kaufhof! Eine Frau von Welt! Und ein Text, fast so schön wie der Kaufhof in Chemnitz!
Der kaufhof in Chemnitz ist WIRKLICH ansprechend.
Es gibt hässlichere Kaufhöfe. Das wird man ja bei einem Date noch sagen dürfen, ohne als Strafe gleich über Tischtelefone kommunizieren zu müssen
Wieder mal ein irrer Text von Dir, absolut surreal / real und eben spannend. Du schaffst es immer wieder, unmögliche Zusammenhänge möglich und völlig “normal” darzustellen! Am besten gefällt mir die Kombination von Tischtelefonen und Tatsch-Phone. Bei beiden bin ich persönlich etwas involviert. Ich kannte mal ein Lokal, wo es noch Tischtelefone gab. Und ich kann “tatschen” irgendwie nicht ab. Ich finde es irgendwie unästhetisch, ohne jetzt unbedingt die Bakterienkeule bemühen zu müssen. Aber die dahinter stehende Technick fasziniert mich absolut…
Sehr schön!
Vielen Dank mailpro. Schön, dass es Dir gefallen hat. Interessant, dass Du das mit den Tischtelefonen kennst. Ich habe es leider nie da reingeschafft. Es war aber Ende der 80-er Jahre der Gipfel an völlig altmodischer und verplüschter Verruchtheit. Also die Smartphones scheinen mir doch weniger bakteriengefährdet als “normale” Handys und Telefone. Da kann sich doch nicht zwischen Tasten festsetzen. Oder?
Ich kannte auch mal so eine oldfashioned Flirtanbahnungsinstitution mit Telefonanschluß – das Tanzcafe “Hölle”(!) in Wangen im Allgäu. Da gabs sogar ein Wasserbassin, das dann wie von Zauberhand zur Tanzfläche wurde.
Und meine Begleitung hieß dan wohl Ge – rlinde …
Oh, da war wohl Nomen Omen. Tanzcafe Hölle. Ist ja gruselig. Gibts das noch? Falls ja, sollte ich es wohl mal besichtigen.
Ich glaube eher nicht – die Besitzer waren damals schon steinalt.
Aber eigentlich … Wangen wäre mal wieder einen Besuch wert.
Ich glaube, ich war da noch gar nie.
Wenn man schon beim ersten Date sein Smartphone anlächelt und streichelt, gibt es ja eh keine Perspektive. Es gibt aber auch Paare, die sich im Restaurant gegenübersitzen und sich keines Blickes würdigen, sondern wortlos nur ihre Handys und Smartphones beachten. Komische Zeit. Dein Beitrag hat mir trotzdem oder deswegen gut gefallen, erinnye!
Danke rotewelt. Wenn man sich nichts zu sagen hat, ist eben jedes Hilfsmittel willkommen.
„Sie sind eine lebensfrohe Frau. Und dieses Jahr haben Sie Glück in der Liebe. Ihr Begleiter ist ein guter Mann“.
Das riecht nach Bestechung durch den Einheimischen…
„Sie sind eine lebensfrohe Frau. Und dieses Jahr haben Sie Glück in der Liebe. Ihr Begleiter ist ein guter Mann“.
Das riecht nach Bestechung durch das einheimische Date…
Sorry, wenn der Kommentar etwas outdated ist.
Aber seltsamerweise war das hier das letzte posting mit keyword ‘Liebe’.
Ihr Interesse, werter kroesus2, an meinen keywords, die man auf wordpress übrigens “tags” nennt, ehrt mich, ich hoffe, Sie haben die Texte mit ebenso viel Gewinn gelesen. Besonders freut mich natürlich, dass Sie, obgleich ich seit Monaten kaum andere Blogs lese noch dort kommentiere, mein Blog gefunden haben. Was den Gebrauch von tags anbelangt: Sie können alles oder nichts bedeuten, mir bedeuten sie nichts, genauso wenig wie Kategorien. Im Prinzip könnte übrigens jeder Blogger jeden Beitrag mit dem tag “Liebe” versehen, die ganze Bloggerei ist, genauer betrachtet, mehr oder weniger ein einziger Schrei nach Aufmerksamkeit. Wenn Sie also Beiträge zum Thema “Liebe” suchen, können Sie sich jeden beliebigen Beitrag auf jedem beliebigen Blog anschauen.
Ihre Bemerkung zur Wahrsagerin: Man müsste hierzu die Drehbuchautoren von “Traumhotel Vietnam” befragen, ein sehr schlichtes Dramolett, welches mich zu dem Text inspiriert hat.