Be bold with Bananas: Daseinsanalyse im glücklichen Gehirn

von erinnye

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via awfullibrarybooks.net

Ich lümmle in nachweihnachtlicher Lethargie auf dem Sofa und lese in meinem Lieblingsbuch. Es heißt „Be bold with bananas“.  Ein Fest der Farben in nude, taupe und mauve. Formen und Farbgebung erinnern an subkortikale Gehirnarreale. Ich versuche, nachhaltige Sätze über das Wesen der Banane zu denken. So was wie: Wenn Deine Worte Bananenbrei wären, würden sie in süßlicher Pampigkeit meine Gehörgänge verseimen. Aber mir fällt nur ein: BANANEN STOPFEN.  Obwohl, wenn ich darüber nachdenke: Der Satz ist nachhaltig im besten Wortsinn. Generationen obstipationsgeplagter Großmütterchen haben ihn in granithartes  Bananengestein gemeißelt.

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Foto: awfullibrarybooks.net

Siedendheiß wie die Bananenknödel-Suppe auf Seite 17  durchzuckt mich der Gedanke,  dass ich zu einem Selbsterfahrungs-Termin eingeladen bin. Von Frau Dr. Confusia Legespiel. Hatte ich ganz vergessen.  Mein Ego schrumpft schuldbewußt  auf die Größe eines Bananenfäule-Bakteriums und deshalb passiere ich ungehindert die Blut-Hirn-Schranke.

Über gewundene Gänge geht es am Gyrus cinguli vorbei bis zum Corpus amygdala. Die subkortikalen Stollen sind dunkel, nur gelegentlich flackert eine neuronale Verbindung auf. Über den verrunzelten Gängen türmt sich die Großhirnrinde auf. Ein schwacher Nachhall des geschäftigen Summens dort oben sickert durch das neuronale Gestein.  Die vorherrschenden Farben der Gänge sind taupe, mauve und nude. Gräulich fleischfarben könnte man das auch nennen. Hier unten ist nicht viel Publikumsverkehr. Vor mir schleicht eine Gestalt, die eine Art Servierwagen vor sich herschiebt. Auf dem Wagen stehen Flaschen, nein eher Phiolen, mit farbigen Flüssigkeiten.   Ein Bote, der Neurotransmitter ausfährt. Servil klopft er an eine Tür. Ein ausgemergelter Glutamat-Rezeptor  öffnet  und der Bote drückt ihm eine Phiole mit Peking-Enten-brauner Flüssigkeit in die gierenden Klauen.

Ich gehe bis zu der Tür am Ende des Ganges. Über der Tür oszilliert in Krankenhausgrün eine elektronische Anzeigetafel: „Bitte eintreten“. Gehorsam öffne ich die Tür. Ich habe eine rote Couch erwartet, gediegenes Fin de Siècle-Ambiente mit Perserteppichen und Schwarzweißfotografien an den Wänden. Aber da stehen zwei mit orangerotem Stretch-Niki bezogene klumpig -schaumige Drehsessel auf aluminiumfarbenen Trichterfüßen, auf dem Flokati davor ein weinrotes Plastetischchen.  An der Wand hängt ein Acryl-Gemälde, Schlieren in Rot umkreiseln ungelenk ein silbernes Herz, das von einem ins Kränkliche changierenden Strahlenkranz umgeben ist. Wer hängt sich denn so was ins  Behandlungszimmer?  Die grünlackierte Tür im Hintergrund öffnet sich mit antikem Knarren und Frau Dr. Legespiel tritt ein. Sie ist die anthropomorphe Personifizierung einer Synapse während ich die  unförmig bakteriomorphe Personifizierung eines Menschen bin. Bereits optisch ein Ungleichgewicht. Frau Dr. Legespiel zieht einen mit Bananenkisten beladenen Bollerwagen hinter sich her und konfrontiert mich mit dem therapeutischen Setting: Ich soll aus 17 Würfelpuzzles jeweils das mir entsprechende Item aussuchen. “Warum gerade 17?“ frage ich. „Siebzehn ist heute in der Zahlenmystik weitgehend unbedeutend“, erklärt Dr. Legespiel und fährt fort: „In der kabbalistischen Auslegung wird  die 17 mit vernachlässigt und vergesslich konnotiert“. „Aha“ antworte ich, um meine Mitarbeit zu dokumentieren. „Das altgriechische Alphabet hat 17 Konsonanten“ doziert Dr. Legespiel. Diesmal spare ich mir das Aha.

Frau Dr. Legespiel reicht mir  eine Bananenkiste mit Holzwürfeln, die auf allen 4 Seiten mit unterschiedlichen Fotos beklebt sind.  Dazu fragt sie melodisch: „Si j’étais une confiserie?“  Ich suche aus dem Würfelhaufen einen Klotz  heraus (ich habe keine Arme, nur trichterförmige Saugnäpfe, mit denen ich an überreife Bananen andocken kann)  und lege ihn auf dem Tischchen ab. Ein braun angelaufenes Bananen-Souflé ist zu sehen, außerdem glitzernde Schleimspuren von meinen Bakteriensaugnäpfen.  „Sie sollten sich schon ein wenig von Ihrer derzeitigen Situation distanzieren können“,  meint die Therapeutin und wirft das Klötzchen mit nachlässiger Eleganz in die Kiste zurück.  ”Außerdem ist ein Soufflé keine Confiserie.”  „Mir ist nicht klar, wie die Frage gemeint ist“, sage ich. „Soll ich raussuchen, was mir entspricht oder was ich gerne wäre?“ „Das ist im Prinzip dasselbe“, sagt Frau Dr. Legespiel und reicht mir die nächste Kiste. „Si j’étais un enfant de la littérature?“  An meinen Saugnäpfen bleibt die “Struwelliese” hängen ein Machwerk schwarzer Pädagogik der 60-er.

Struwelliese bei der Selbsterfahrung im Keller

„Warum sind die Fragen auf Französisch?“ frage ich. „Stört Sie das“ fragt Frau Dr. Legespiel zurück. „Ja, eigentlich schon“, sage ich. „Die Französisch-Klasse bei Frau Meube-Hürr war ein Tussi-Club. Ich musste zu den Tussis in Lacoste-Polohemden, während meine Zwillingsschwester in der Altgriechisch-Klasse bei den lila gefärbten Opa-Unterhemden die  intellektuelle Elite bildete.  Deshalb kenne ich heute gerade mal das Alpha und das Omega, aber keinen griechischen Konsonanten, geschweigen denn 17.“

„Sie sollten loslassen können“, regt Dr. Legespiel an und wirft den Struwellisen-Klotz in die Kiste zurück. „Si j’étais une chanson?“ Hektisch wühle ich in der Chanson-Kiste. Vielleicht La vie en mauve? Ces gens-la? Ah, da ist ja auch Je t’aime. Nein, doch nicht. Gibt es Liebe unter Bananenfäule-Bakterien?   Ich suche erfolglos nach „Tauben vergiften im Park“, schließlich greife ich zu „La Banane“ von Philippe Katerine. „Das Beta kennen Sie aber schon“ sagt Frau Dr. Legespiel. „Stimmt“ sage  ich. „Manchmal kennt man mehr als man weiß“. „Ein nachhaltiger Satz“, lobt Frau Dr. Legespiel.

Dr. Legespiel schaut auf ihre Armbanduhr, die Sitzung ist zu Ende. Ich habe lediglich drei Fragen abgearbeitet. Auf dem Weg zurück durch die Hirnwindungen fällt mir ein, dass ich vor Silvester auch noch meinen Geburtstag abarbeiten muss. Zum Dessert oder als Confiserie gibts den Bananen-Monolithen aus “Be bold with Bananas”. Sehr nachhaltig, das Buch.

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Foto: awfullibrarybooks.net

Liebe Puzzle, das waren erst drei Fragen aus meinen Kammern des Schreckens. Wer weiß, was da noch zutage kommt.