Die alten Weihnachten

von erinnye

via todaysinspiration.blogspot.com

Beharrlich drücken die alten Weihnachten auf die Klingelknöpfe und lassen die Türklingeln schnarren. Nicht DIE schon wieder denken wir und öffnen voller Misstrauen die Tür.  Die Sicherheitskette ist vorgelegt.  Aber schon drücken sich die alten Weihnachten durch die Türspalten, ungebeten wie Kälte. Zielstrebig machen sie das Wohnzimmer ausfindig, setzen sich auf das rote Ledersofa und werfen missbilligende Blicke auf den mit Ikea-Vögelchen in Rot und Silber geschmückten Weihnachtsbaum.

Nebeneinander und übereinander haben sie sich auf das Sofa gequetscht, denn es sind viele. Manche sehen aus wie halb gegessene Schokoladen-Nikoläuse, andere erinnern eher an vergessene Weihnachtsplätzchen, die man im Sommer ganz hinten im Schrank in kleinen Zellophan-Tütchen findet. Viel Optik von zerknülltem Geschenkpapier ist auch dabei. Endlich wird es ihnen zu bunt mit dem Ikea-Weihnachtsbaum. Sie stellen ihren eigenen Baum auf. Der geht bis an die Decke. Rote, goldene und tannengrüne Kugeln hängen sie daran.  Die Kugeln sind fast blind vom Kerzenwachs der vielen Weihnachten und vom Dachbodenstaub. Ein wachsgesichtiger Engel schwebt über der Krippe, die Flügel brav aus Goldpapier gefaltet. Silberlametta, das pflückt man nach Weihnachten vom Baum für das nächste Jahr. Zuletzt stecken die alten Weihnachten die Kerzen in die  Blechhalter. Aber angezündet wird noch nicht, denn jetzt machen sich die Besucher in der leeren Küche zu schaffen. In großen Schüsseln setzen sie Hefeteig an. 7 kg. Hutzeln  müssen  in den Teig und Nüsse, Rosinen, Feigen und Zitronat. Gewürze auch. Aus dem braunen Teig formen die alten Weihnachten mit schon müden Händen Brotlaibe. Während die Hutzelbrote im Ofen backen, zünden die alten Weihnachten die Kerzen am Christbaum an. An den Stellen, wo die Christbaumkugeln noch nicht blind sind von Alter spiegeln sie sich gegenseitig, die rote Kugel in der goldenen und die wiederum in der roten und so geht das weiter bis die Kugeln ganz klein sind und so weit entfernt scheinen wie die  lange vergangenen Weihnachtsfeste. Ein Doktorkoffer steht unter dem Weihnachtsbaum und daneben eine Kinderpost. Der Doktorkoffer wird sofort ausprobiert aber das Stethoskop verstopft die Ohren und der Reflexhammer löst nichts aus. Wir füllen die Formulare in der Kinderpost aus. Die Kerzen am Christbaum sind fast abgebrannt. Heimlich pflücken wir  die Schokoladeanhänger vom Christbaum. Schreiben auf eine Postkarte aus der Kinderpost WEI NACHTEN. Mit einem krakeligen Stern daneben.

Schon damals sitzen die alten Weihnachten auf dem Sofa. Das Sofa ist aber grün und hat dürre Ärmchen aus braun lackiertem Holz. Die alten Weihnachten nehmen die Karte aus der Kinderpost mit, denn wir haben sie ordnungsgemäß frankiert und mit dem Kinderpoststempel abgestempelt. Irgendwann wird sie uns vielleicht doch zugestellt werden. Vielleicht dieses Jahr.

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