Lieber Richard David Precht, (oder wie schreibt man kein Mülleimer)

von erinnye

am Freitagabend war ich an der Tanke. An der Kasse lag die BILD. Gigantische Buchstaben formierten sich zur Headline:  ”Deutschlands bekanntester Philosoph (47) fordert soziales Pflichtjahr für Rentner“.

Meine von präseniler Presbyopie sklerotisierten  Augenlinsen werden schlagartig  geschmeidig und akkommodieren FREIWILLIG  und EHRENAMTLICH, um den Artikel lesen zu können. 15 Stunden pro Woche sollen Rentner direkt nach Rentenantritt soziale Dienste ableisten, ansonsten gibt’s Renteneinbußen. (Ich bin noch keine Rentnerin, iwo, so in 20 bis 25 Jahren wird es soweit sein. )

Mit vor Empörung zitternden Fingern starte ich zuhause den Rechner und muss erstmal die Anne-Will-Sendung vom 07.12.11 nachsitzen. Als Mensch mit einem Tagewerk ist mir die Sendezeit von Anne Will einfach zu spät, denn ich brauche meinen Schlaf. Schließlich muß ich fit bleiben, bis ich 67 respektive 70 bin. Die Aussichten sind nicht rosarot und vor allem alternativlos, es sei denn, ich versterbe noch während meines aktiven Erwerbslebens. Ein frühzeitiges Ableben wird sowohl für mich als auch für die Solidargemeinschaft erstrebenswert sein.

„Heute haben die Leute das Gefühl, sie hätten ihre Rente für 30 Jahre verdient, ohne dass man noch etwas von ihnen erwarten kann. Das ist die Mentalität von verzogenen Kindern“, ist Ihre These. „Es geht um Rentner und Pensionäre, die heute häufig jünger als 65 sind. Die sollten gleich nach der Pensionierung drei Tage in der Woche halbtags in die Schulen gehen, und Kevin oder Ahmed bei den Hausaufgaben helfen, Kindern aus Familien, die sich um Bildung  nicht kümmern. Das macht vielleicht 15 Stunden in der Woche.“

Die Anne-Will-Sitzung laugt mich aus. Bereits heute gibt es Rentner, die nach über 40  sozialversicherungspflichtigen Erwerbsjahren zur Anhebung ihrer Altersrente (780 Euro) auf Armutsniveau (929,30 Euro) als Toilettenfrauen oder Flaschensammler arbeiten müssen. Eine unschöne Realität ist das, und Eskapismus die einzige Lösung, um die Psyche wieder ins Gleichgewicht zu bringen:  Ich widme mich den Google-Anfragen auf meinem Blog: „Wie schreibt man kein Mülleimer“ will jemand da wissen. Gute Frage und kinderleicht zu beantworten: einfach KEIN MÜLLEIMER!

Mental aufgebaut durch meinen proaktiven Lösungsansatz des Mülleimer-Problems kann ich mich wieder Anne Will zuwenden. Einspielfilm: Rentner auf dem Flughafen, die Lounges quellen über von Rentnergruppen in Nerz- und Ledermänteln auf dem Weg zu exklusiven Reisezielen.  Die Resonanz der befragten Rentner auf das Ansinnen, ein soziales Pflichtjahr ableisten zu sollen, ist verhalten, man könnte auch sagen ablehnend. „Warum das denn?“ fragen die Rentner. „Damit die Rentner auch der Gesellschaft noch mal was zurückgeben können.“ „Hören Se mal, ich hab 47 Jahre im … gearbeitet. Meinen Sie net, dass ich genug getan habe?“

„Nönö, nönö,. Das soll der mal selbst machen, hier, der“.

Der Einspielfilm freut Sie nicht, lieber Richard David Precht. Die im Film gezeigten Rentner seien ja alle keine 62 mehr, sondern viel älter, wenden Sie ein. Damit kommen wir jetzt mal zum Punkt. Sind Sie der Auffassung, DIESE Rentner wären vor 10 Jahren, also mit knackigen 62 Jahren,  qualifiziert gewesen für ein Unfreiwilliges Soziales Jahr? Was hätten diese Rentner den Leistungsverweigerer-Sprößlingen Klein-Achmed und Mini-Kevin  beigebracht? Exaktes Deutsch? Leistung lohnt sich? ANSTAND?  Wohl doch eher die korrekte Vorgehensweise, um bei der Krankenkasse 5 Fußpflegebehandlungen genehmigt zu bekommen, wie man schwarz Haushaltshilfen beschäftigt, alternativ rumänische Ganztagspflegekräfte? Knwo-How zur barrierefreien Umgestaltung von Sanitärräumen mittels osteuropäischer Sklavenarbeiter?

Die heutigen Rentner seien eine gierige Generation, sagt Bernd W. Klöckner bei Anne Will.

NEIN, die heutige Rentnergeneration ist NICHT  gieriger als wir alle. Sie nimmt was sie bekommt und was ihr gesetzlich zusteht.  Seit Jahrzehnten strecken WIR ALLE  gierig die Hände nach den Wahlgeschenken der Regierungen aus. Von oben rieseln sie herab, die Geschenke, wie warmer Mairegen, sanft benetzen und wässern  sie die pralle Vegetation auf den mit der Gülle des Geldes gedüngten fruchtbaren Böden . Auf den verkarsteten Flächen aber kommt wenig an und das wenige führt zu nichts. Die Gesellschaft werde sich zukünftig entsolidarisieren, daher sei das soziale Pflichtjahr für Rentner unumgänglich, sagen Sie, verehrter Richard David Precht. Nein, die Gesellschaft hat sich schon längst entsolidarisiert. Der Dumpinglohn der Reinigungskraft, die nach Büroschluss durch die Firma feudelt, geht uns nichts an. Ist ja Sache der Reinigungsfirma. Ob die Putzfrau  bei der ARGE aufstocken muss, ist uns doch egal. Für den 400-Euro-Job, den sie nebenbei noch macht (Realstundenlohn € 5,00) wird auch nur marginal in die Sozialversicherungssysteme eingezahlt. Uns ist das brille, denn der Betrieb läuft doch gut, wir sind wichtig und unabkömmlich, Weihnachtsfeier gibts auch,  denn WIR heißen nicht Kevin oder Achmed und nach Feierabend sind wir ausgeruht genug, um in unseren Blogs launige Satiren über die Kevins und Achmeds dieser Welt zu verfassen. Das Soziale Pflichtjahr wird kommen, sagen Sie. Ich befürchte, Sie haben Recht, allerdings unter gleichzeitigem Exitus der Sozialsysteme.

Mein letzter Arbeitstag am, sagen wir mal, 29.12.2035, wird wie folgt ablaufen: Mein (zukünftiger) Chef (23) federt dynamisch in mein Büro, wo ich für meine Kollegen Häppchen bereitgestellt habe. Aufgrund meiner zukünftigen angespannten Liquiditätslage gibt’s allenfalls Mettbrötchen. Kollege A. beschwert sich zwar: „Da kann ich ja gleich in den Arsch von ‘nem  lebenden Schwein beißen“ aber ansonsten kommt der Ausstand gut an, denn endlich sind sie die alte Meckerziege los.  Wir feiern in der Mittagspause. Die Blicke der Kollegen sind glasig. Erreichbarkeit und Verfügbarkeit sind das A und O. Die mobilen Endgeräte IPhone, IPad, Kindle und Notebook sind mittels Chips in die Schädeldecken implantiert. WIR sind die Endgeräte. Die Kollegen haben aber zumindest die Hände frei, um die Mettbrötchen zum Mund zu führen, während das Protokoll des letzten All-Hands-Meetings in ihr neuronales System eingepflegt wird. Mein zukünftiger Chef gibt mir einen warmen Händedruck und sagt, mehr als Statement denn als Frage: „Wie geht’s Ihnen mit dem Ruhestand?“

Ich nehme den Händedruck entgegen und antworte protokollgemäß nichts. Am Vortag war ich bei der Musterungsstelle für das Unfreiwillige Soziale Jahr. Der Musterungsarzt hat mich als tauglich eingestuft. Mein Diabetes mellitus war unwesentlich und auch der beginnende Parkinson. Kurz zögerte er wegen des kleinen Rezidivs eines Pankreaskarzinoms, aber eben nur kurz. Ich bin zwar nicht tauglich, im Altenheim meine senilen Alterskollegen auf die Bettpfannen zu wuchten. Aber für den Hausaufgabendienst reichts noch. Alle Hände werden gebraucht. Morgen nachmittag ist Dienstbeginn in der Angela-Merkel-Förderschule.  Ich soll die depravierten Klein-Achmeds und Mini-Kevins (die aber im Jahr 2035 Sylvester-Corbinian oder Anna-Sophia heißen, denn die Akademikerkinder heißen in der Zukunft Horst und Uschi) beim Erlernen sozialer Tugenden unterstützen. Leistung lohnt sich, soll ich vermitteln. Ja, da kann ich nur zustimmen. Super Idee jedenfalls, das mit dem sozialen Pflichtjahr für Rentner. Es löst sicherlich das Problem der kollabierenden Sozialsysteme. Ach so, ja, den Job als Toilettenfrau bei C & A trete ich dann am 01.01.2036 an.

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