Post von Horst – Das klare Feindbild
von erinnye

Horst ist dieses Jahr früh dran. Es ist ja noch gar nicht Weihnachten. Aber er hat eventuelle Poststreiks, die Auflösung der Eurozone oder andere unschöne Ereignisse schon mal eingeplant, damit die stärkende Weihnachts-Epistel aus Nord-Nord-Ost rechtzeitig die seelisch Prekären erreicht. Horst ist nicht mein Seelsorger, sondern mein Cousin. Ein recht alter Cousin. Als Marineapotheker konnte Horst während seiner aktiven Zeit seine missionarischen Qualitäten nicht ausleben. In den letzten ca. 30 Jahren, also seit seiner Pensionierung, holt er das nach.
„Liebe Verwandte“ schreibt Horst. Er schreibt nicht direkt MICH an. Sein Hirtenbrief geht als Fotokopie an sämtliche Individuen auf dem Globus, die genetische Ähnlichkeiten mit ihm aufweisen. Konsanguinität nennt man das, oder Blutsverwandtschaft. Horst und ich haben aufgrund unserer Konsanguinität und unter Berücksichtigung des Verwandtschaftskoeffizienten zu einem Achtel die gleichen Gene. Horst schreibt:
„Und schon naht wieder das beseligende Weihnachtsfest. Besinnlich sitzen wir in unseren Stuben. Die Weihnachtspyramiden drehen sich und die Gedanken mit ihnen“. Ich besitze keine Weihnachtspyramide. Trotzdem wird mir ganz erzgebirglerisch, die Gedanken rotieren in meinem Großhirn wie in einer Zentrifuge zur DNA-Sequenzierung. Hätte ich das Potential zu einer Missionarin gehabt? Nein, offensichtlich nicht, denn trotz intensiver Frühförderung durch strenges Messbesuchs-Reglement habe ich mich nicht zu einer Karriere als Kapuzinernonne entschließen können. Bin ich wirklich mit Horst konsanguin?
Ich gehe zu meinem Spind an der Stubenlängsseite und krame die Flasche Klosterfrau Melissengeist hervor. Die geistige Stärkung hilft mir über die erste Seite. Der Heilige Vater kommt darin vor, Guttenberg auch, so Sachen über Vergebung. „… kann ich vermelden“ geht das Schreiben auf Seite 2 weiter, „dass Sabine und Michael…“. Horst erstattet Meldung. Wer, Wo, Was. Jetzt wird’s interessanter. Irgendwo in Norddeutschland gibt es eine mir leider nur vom Hörensagen und aus Horsts Weihnachtsepisteln bekannte evangelische Pfarrerin, die ganz offensichtlich eine Reinkarnation Luzifers ist. Denn sie hat sich von Horsts Sohn Michael scheiden lassen (nachdem Michael sich außerehelich betätigt hatte). Das Feindbild ist klar, wo käme man da auch hin. Ein Soldat und Offizier muss deutlich abgrenzbare Feindbilder haben. „Unser Michael hat inzwischen eine neue katholische Partnerin“, schreibt Horst beglückt.
Hätte ich die Militärlaufbahn einschlagen sollen? Genetisch nicht unmöglich, 1/8 meiner DNA könnte offizierstauglich sein. Auch ich habe klare Feindbilder. Cousins beispielsweise, die mir Weihnachtsepisteln schicken. Ich nehme nach Formaldienstordnung die Grundstellung ein: Die linke Hacke an die rechte, wobei die Füße ca. 60 ° auseinanderzeigen. Die Finger sind lang und der Daumen liegt an. Die Hand liegt flach auf der jeweiligen Oberschenkelseite. Der Blick ist frei und gerade aus. Durch Anlegen der Hand an die Kopfbedeckung (bzw. den Kopf) grüße ich militärisch die Luzifera-Sabine aus Norddeutschland.
Dann nehme ich mit militärischer Disziplin noch einen Schluck Klosterfrau Melissengeist ein und beginne ein Weihnachtsrundschreiben an meine Nichten und Neffen: „Liebe Nichten und Neffen, da sitzen wir in unseren Buden…“
ah. da bin ich aber also, ich hab ja noch vorhin über die Familie gegrübelt, und du schreibst und trinkst es einfach so.
Wobei aber auch die Familie, das Sinnbild für Liebe und Gemütlichkeit, geradezu prädestiniert für weihnachtlichen Stress ist.
oder geht das andersrum?
Andersherum? Ich glaube das geht von allen Seiten
Ich habe halt ein paar minimale Aversionen gegen frömmlerische, schwarzweißmalende Missionare.
ja, ich kenn das auch. und du hast es wieder schön geschrieben. ich glaub, in mir arbeitet es immer noch. wie soll ich sagen. oft sag ich einfach das, was ich denke. das mag verwirren.
wobei fällt jetzt wieder ein, ich auch immer wieder selbst gar nicht weiß, was ich denke.
Ich merke hier mal wieder, wie gut ich es doch mit meiner Verwandtschaft getroffen habe. Jeder Ärger über dieselbe verfliegt spätestens, wenn mir so fein geschildert wird, wie schrecklich es hätte kommen können – mit anderen Verwandten.
Vielen Dank Claudia.
[...] da bin ich aber also, ich unter Post von Horst – Das klare Feindbild Share this:TwitterGefällt mir:Like3 bloggers like this [...]
Bei solchen Geschichten packt mich gelegentlich der Neid. Was wäre das schlicht und schön, so klar zu sehen! Und so, frei von allen Zweifeln, als verschrobene Verwandte in den Blogeinträgen der ferneren Familie verewigt zu werden … Muß man können.
Ja; klare Weltbilder sind beneidenswert, danke Lakritze
Schickt der wirklich ein Rundschreiben an die Verwandschaft raus? Echt jetzt?
Das ist schon einen Melissengeist wert!
Ja, leider
Rund geschrieben! Fühle mich beseelt.
Vielen Dank Benno.
Da wird einem ja ganz erzgebirglerisch ums Herz beim Lesen. Zum Thema Familie und Weihnachten würde mir auch ne Menge einfallen – was ich mich wiederum nicht trauen würde, zu veröffentlichen. Dafür eine Anekdote zum Thema Verwandtenpost: Gestern hat mein Bruder uns per Email über seine vor ein paar Tagen vollzogene Trauung informiert, überschrieben mit “Liebe Schwestern und Schwäger! Liebe Nichten!”. Na ja, immerhin war ich beim Ringekauf dabei
Ja, Familie und Weihnachten sind so Themen. Eine so plötzliche Hochzeit ist auch interessant.
Ach noch was: Die Ringe haben sie in Tübingen gekauft
Echt? Ich wusste noch gar nicht, dass Tübingen in Bezug auf Eheringe so einen guten Ruf hat.