Charlotte Roche – Auch ich habe was dazu zu sagen

von erinnye

Ich agiere ja hier anonym.  Keiner kennt mich. Daher kann ich schreiben, was ich will, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Nun ja, die einzige Sanktion wäre, dass keiner mein Geschreibsel liest. Dann würde man mir  möglicherweise DAS   (Danke 6kraska6) auf die Hauswand schmieren und DAS wäre NICHT GUT.

Keiner weiß, ob ich überhaupt die biedere kleine erinnye aus Hinterkrauthausen-Ballenheim bin. Theoretisch könnte ich nämlich auch eine Kunstfigur von Herbert Hinterdumpfer aus Landau-Dreiirrn verkörpern. Oder  ich könnte das literarische Alter Ego von Leon Kastenbrille-Rotauge vom Prenzlauer Berg sein.

Und allein deshalb werde ich jetzt auch mal was zum Thema Charlotte Roche machen. Ja, ich weiß schon, bin mal wieder zu spät dran. Aber ich wollte eben erst mal die Reaktionen sämtlicher relevanter Leitmedien/Leitblogs/Leitkommentatoren  abwarten, um mir daraus autark und unabhängig ein eigenes Urteil bilden zu können.

Mein Alter Ego Herbert Hinterdumpfer aus Landau-Dreiirrn würde das Buch lesen, technische Anleitungen goutieren und mit den kargen Worten: „Ausgschamtes Mensch das, ausgschamtes“ kommentieren. Leon Kastenbrille-Rotauge würde einen Essay abfassen mit den Inhalten: “Vulgär, will ja keiner so genau wissen, aber davon abgesehen:  ich habe gestern die  Mohrrüben-Tomate-Sache praktiziert und übrigens vor einer Woche mit drei  Girls aus Landau-Dreiirrn gleichzeitig ………..(will wirklich keiner wissen)…Und die Dialaktik des Verlagswesens, der Medien überhaupt, eine Schande, was da gehypt wird. Eigentlich sollten die mich hypen.”

Ich bin aber leider nur die erinnye und habe ein Problem, das ich mit den meisten Hobby-Rezensenten von Charlotte Roche teile: Ich habe das Buch gar nicht gelesen. Noch schlimmer: Ich besitze es nicht einmal.

Da muss man ganz schnell Abhilfe schaffen:

Wo verbringt die moderne Landfrau ihre Samstag Vormittage? Im Real, ist doch klar, einmal hin alles drin.

Und so kommt es dann, dass ich heute morgen im BOB (best of books) bei Real vor dem dunkelroten Stapel stehe. Nehme mir eines. Beginne zu lesen. Bin ganz gefesselt von der Lektüre. Aus dem Nichts taucht neben mir ein dicklicher Mittfünfziger auf, in kniekurzen Khaki-Hosen (also die mit den praktischen Taschen für die Machete an der Seite), schweißglänzend. Gleich zur Bonobo-Safari verabredet?  Mustert mich. Eindringlich. Checkt meine Features. Ob ich das wohl auch drauf habe?  Ich versuche, betont distanziert in dem Buch zu blättern. Ich lese das schließlich nur zu Recherchezwecken.

Der Bonobo-Jäger dreht ab. Ok, ich habs nicht drauf. Ich lese weiter. Madenwürmer. Charlotte hat sich bei ihrem Kind angesteckt. Unangenehme Sache das. Künftig werde ich beim Abtätscheln von Kleinkindern strengere Hygienevorschriften beachten. Könnte sonst böse enden.

Ein für Real-Maßstäbe attraktiver Mittvierziger (keine Shorts) schiebt seinen Einkaufswagen befüllt mit Single-Lebensmitteln in das BOB-Arreal. Ich werde durch die Kastenbrille gemustert. Kurzer Blickkontakt. Oh, Gott, der muss mich ja für völlig pervers halten, keine anständige Frau liest das. Und wenn, dann nicht im BOB bei Real.  (Er hat offensichtlich kein Kleinkind, deshalb keine Ansteckungsgefahr hinsichtlich Madenwürmern, das würde eigentlich für eine Kontaktaufnahme sprechen. ) Kastenbrille traut sich offenbar nicht, nach DEM BUCH zu greifen, zieht weiter, nicht ohne mich nochmals intensiv mit seinen Kastenbrillenaugen zu scannen. Fehlschlag. ICH BIN ZU PEINLICH.

Glutamat. Charlotte verzichtet darauf. Auch ihr Mann muss glutamat-abstinent leben. Find ich gut.  Ich schaue auf. Frau Dr. Meckberger schiebt energisch den Einkaufswagen in Richtung BOB, ihr Mann schleicht devot hinterher. Meine Nachbarn in unserer kleinen Hysteria-Lane. Mit Sicherheit glutamatfrei.

Ich versuche, unauffällig hinter den Charlotte-Roche-Stapel zu gelangen.

Oh Gott, sie halten direkt auf den Stapel zu. Nein, Glück gehabt, Frau Dr. Meckberger zieht Herrn Dr. Meckberger am Stapel vorbei in Richtung der preiswerten Bildbände.  Sieht mich zum Glück nicht. Greift zum Buch „Tierwelt Afrikas“  Herr Dr. Meckberger sieht mich leider. Sein Blick wandert zu dem Buch in meiner Hand. Der Blick eines sehr hungrigen 60+ Bonobos. Unsere Blicke vereinbaren in Sekundenschnelle, dass wir uns nicht kennen.

Ich verstaue hastig das Buch unter einem Stapel Mohrrüben und einem weißen Riesenrettich. Schnell zu den Kassen. Ziemlich leer die Kassen. Ich beginne gerade, meine Einkäufe auf das Band zu legen, als ich von weitem die  Sabine aus der Grundschule ihren fürs Family-Weekend randvoll befüllten Einkaufswagen heran schieben sehe. Sie winkt schon von weitem. Wir haben uns gegenseitig nie zum Kindergeburtstag eingeladen.

Ich fische unauffällig DAS BUCH aus dem Einkaufswagen, lege sozial unerwünschtes Verhalten an den Tag, indem ich eine Real-Plastiktüte unter dem Kassenband hervorgrabsche und lasse dabei das Buch hinter dem Tütenstapel versinken.

Abschließend kann ich nach intensiver Recherche  folgende Beurteilung DES BUCHES abgeben: Schweinkram, wer liest schon so was, geht überhaupt nicht, warum liest man über den Sex anderer Leute? Geht gar nicht,  der Literaturbetrieb ist pervers,  das geht so nicht, es werden immer die falschen gehypt, hypt mal mich! Ich les ES nicht, wie gut dass ich die ganzen Kommentare gelesen habe, dann muss ich ES nicht lesen!  Keiner liest ES (steht zwar ganz oben auf Spiegel-Bestseller-Liste). Ich les ES nicht. Ich les ES nicht. So geht das nicht. (FAS hat ES empfohlen. Irgendwie jedenfalls),

Ach ja, in gewissen Gebieten wars auch informativ. Glutamat, Madenwürmer. Auf jeden Fall empfiehlt es sich, DAS BUCH bei Amazon zu bestellen. Weniger peinlich.

Übrigens muss ich gleich  zu den Meckbergers, einen Korb angefaulter Klaräpfel hinbringen. Dr. Meckberger wird das subkutane Signal dieser Geste  erkennen. Davon gehe ich mal aus. Kleinkinder hat er nicht.